612 Die Literatur Frankreichs.
von der Kunst geadelt und verfeinert sehen und selbst im Unschicklichen das Schick-liche walten lassen. „Auch von, Schaume rein muß die Mischung sein", heißt es im„Lied von der Glocke", und gilt mit noch größerm Rechte von den Werken der Poesie.Das will man heutzutage in Paris nicht Wort haben. Woher käme sonst der au-ßerordentliche Ruf und Erfolg gewisser Stücke, welche die barste, nackteste Stuben-wirklichkeit wiedergeben? Ich meine die Stücke des jüngern Alexandre Dumas:„Da ciams aux eamelias", „Diane cko Dys" und „Da ckemi-moncis". Das, wo-durch diese Stücke dem Publicum so überaus gefallen, ist gerade Das, wodurch sieschlecht sind. Das Alberne und Läppische, anstatt den Eindruck der guten Scenen,woran es nicht fehlt, zu schmälern, macht ihn sogar nur noch stärker. Wenn z. B.in der „Dame aux oamöüas" die Hauptheldin *) zu ihren! auf ihre frühern Ver-hältnisse eifersüchtigen Liebhaber sagt: „Ich glaubte mit einem Manne zu thun zuhaben, der über Vorurthcilc so weit weg ist, daß er mich versteht"; und wenn zu-letzt eine ihrer Freundinnen sich über ihr Sterbebett hinübcrbückt und ihr die gehei-ligten Worte ins Ohr flüstert: „Dir werden viele Sünden vergeben werden, denndu hast viel geliebt", so entsprechen solche unschickliche und lästerliche Redensartenden geheimen Wünschen und Gedanken aller weiblichen Zuhörer bis zum Entzücken,und es fühlt sich der ganze Umkreis der Damen wie von einem elektrische» Schlagegetroffen, ohne viel zu fragen, woher ihm der Schlag gekommen sei. Freilich, wen«Madame Doche und Madame Rose Eher! Lorettenrollcn spielen, so vergißt manüber den Künstlerinnen Alles und sieht noch einmal mit Interesse auf der Bühne,waS man in jedem galanten Damencirkel sehen kann. Aber warum gibt uns derDichter nichts Feineres, und warum hat das Publicum keinen Sinn dafür? Manbeklatscht gegenwärtig auf dem Theater Stücke, die ganz unverhohlen die Absichtkundthun, daß sie die Gesellschaft oder einen Theil der Gesellschaft haarscharf undbis aufs äußerste getreu abzeichnen wollen, und was man für eine Verjüngung undVervollkommnung der Kunst hält, ist blos ihr Verfall und Auswuchs. Das wört"liche Wiedergeben des geselligen Verkehrs, die Personen, wovon die Namen kaun'versteckt und die Abenteuer stadtkundig sind, die Lebensgeschichten, die dem Parterrebeim Lampenschein vorbuchstabirt werden, die Gespräche, die man ganz warm und
*) Die Camelicndamc, so benannt von den Blumen, die sie leidenschaftlich liebte,bei ihren Lebzeiten — wie soll ich sagen? — ein mehr als lockeres junges Mädchen, ebwlberühmt durch ihre Schönheit als durch ihren ausschweifenden Luxus und Aufwand. ^lebte auf hohem Fuß, bewohnte ein eigenes Haus, hielt sich Equipage, Lakaien, KanEjungfern, Reitpferde, kurz den ganzen Staat einer üppigen Wirthschaft, und hatte bestavdie Auswahl unter den schönsten und reichsten jungen Leuten, die der pariser Laes ihrund — ihr Geld zu Füßen legten. Ihre Blütezeit war kurz; in dieser frischen Blumeder Krebs: Marie Duplessis — so hieß das Mädchen — starb an der Schwindsucht, 20 3^zalt, im vollen Glänze ihrer Schönheit, Jugend und Herrlichkeit. Bei der VersteigerungHausrathß überboten sich, merkwürdig genug, die schönsten pariser Damen im AnkaUb^-geringsten Sachen aus dem Nachlasse dieser Courtisane: ihre schildpattencn Kämme, ihss Tot-sten mit elfenbeinernem und cisclirtem Griff, eine krystallene Dose, wo sie ihre Swpflästerchcn hineinlegte, ein Topf von altem sächsischen Porzellan für ihre Pommade,.^,,kleinste Stück ihres Loilcttcnkästchens von massivem Golde, der kleine Spiegel für ihr* ^die kleine Feile für ihre Nägel, kurz Alles ging reißend zu hohen Preisen weg, umsov'^^ge/prächtigen Möbel, die Tapeten, die Bilder, das Silbergeschirr und so vielewelche diese Schöne in ihrer Wohnung mit der gelehrten Lust und Freude einesaufgespeichert hatte. Nichts fehlte zur Verherrlichung der Modedame, und damit ^as der
vollends ruchbar und da» Piedestal dauerhaft würde, kam hinzu, daß Alexandre stM?
Jüngere die Lebensgcschichtc des Mädchens zu einem Romane unter dem Titel a . Ajttesux oameliss" verarbeitete. Das Buch hatte großen Erfolg, und da nach eines"
die Schriftsteller mit Geistesproductcn wie die Müller mit Getreide verfahren """ ^ane ""
Sack mehr als ein Mahlgeld herausziehen, so machte der Autor auch aus dem ^ hu"'
sentimentales Rührstück, das noch größcrn Erfolg hatte und im Jahre 1852 mey s"?dert Vorstellungen erlebte. Man sprach in ganz Paris von nichts als von „ ^ „ unter ^csnwliss", und gewiß sind über ein unschuldiges junges Mädchen, das "or dcr p ^ giide-Erde mußte, nie soviel Thränen geflossen als über diese unkcusche Schöne und w