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Die mikroskopische Welt.
Äöenn man von einer fortschreitenden Vervollkommnung der Menschheit spricht, sodenkt man dabei immer nur an die geistige und sittliche Natur des Menschen; daßder Mensch auch als sinnliches, körperliches Wesen im Laufe seiner Geschichte zueiner höhern Stufe sich aufgeschwungen, hat noch Niemand behauptet. Im Gegen-theil pflegen die sinnlichen Fähigkeiten des Menschen in demselben Maße minder ent-wickelt zu werden und daher zurückzubleiben, als eine geordnete Staatsverfassung demgebildeten Geiste alle Genüsse und zugleich all den Schutz garantirt, den im rohenNaturzustände der Einzelne nur durch seine Körperkraft sich sichern könnte. Nichtohne Fug und Recht bemerkte ein Häuptling der mcnschcnfressenden Marquesasinsu-laner dem blinden Jacques Arago, der ihn auf Nukahiwa besuchte: „Ihr Weißenseid nicht uns überlegen, wie ihr euch einbildet; sondern ihr seid vielmehr eine nie-dere, von der Natur vernachlässigte Racc; ihr müßt euch Kleider machen, weil eureKörper nicht Sonne und Luft ertragen können wie die unsern; ihr müßt euch mitFeuerwaffen vertheidigen, weil ihr nicht den Muth habt, wie wir, Leib an Leib denFeind auszuhalten; ihr habt tausenderlei Werkzeuge nöthig, wo wir mit unsern an-geborenen Naturgaben ausreichen." Die Sinne des Wilden sind feiner als die des Cul-turmenschen. Der Indianer erkennt aus dem Gerüche des Kleides den Besitzer desselben;der Beduine sieht am Rande der Wüste eine Räuberschar auftauchen und unter-scheidet nach dem Gehör schon die Zahl der feindlichen Reiter, wo der gebildeteEuropäer kaum mit dem Fernrohr sich über ihr Vorhandensein vergewissert hat. So-viel steht jedenfalls fest, daß der Mensch — im Gegensatz zu der unendlichen Entwicke-lung seines Geistes — im Bereiche seiner Körperkräfte und sinnlichen Fähigkeitendurchaus keinen Fortschritt gemacht hat.
Nur ein einziger Sinn, und zwar der höchste, der dem geistigen Leben desMenschen am innigsten sich anschließt, der Gesichtssinn, hat in einer gewissen Be-ziehung an der unermeßlichen Erweiterung der Geistesherrschaft theilgenommen-Die Gegenstände, mit denen wir zunächst zu thun habe» und die für unser Lebe"von Hauptbedeutung sind, haben alle eine gewisse, nicht zu geringe Größe und be-finden sich alle in einem nicht zu bedeutenden Abstände von uns. Gerade für die?gewöhnlichen Größen- und Raumvrrhältnisse ist unser Auge gebaut, nur von ih»^vermag es einen deutlichen Sinneneindruck hervorzurufen; was darüber hinausliefwas zu klein oder zu weit entfernt ist, davon erhalten wir gar kein oder dochein sehr unvollkommenes Bild. Nachdem aber die Wissenschaft die Gesetze gev^erforscht hatte, unter denen sich auf der Netzhaut des Auges ein Bild von ^Gegenständen außerhalb desselben bildet, so hat sie es auch dahin gebracht, binGesetze unter solchen Verhältnissen wirken zu lassen, daß die natürlichen Schra"-^deS Gesichtsfeldes nach allen Seiten hin gefallen sind, daß es gegenwärtigunser Sehen beinahe gar keine Grenze gibt. Dadurch hat sich unser Augedie Beschränktheit und Endlichkeit aller irdischen Verhältnisse erhoben; es ist u"^,ilich, absolut geworden wie der Gedanke; ja es ist dem Gedanken gewissern^kvorausgeeilt. Vor der Erfindung des Teleskops bestand die ganze Schöpfungaus den^paar Tausend Sternen, die man mit bloßen Augen sehen kann, u»bter der Stcrnensphäre war das Weltgebäudc zu Ende. Erst als die unzäh'^t-incinandergeschlungenen Sonnensysteme sich im Fernrohr unsern Blicken geze>ften, da konnte auch der Gedanke von der Unendlichkeit des Weltalls gefaßt gr-eine naturwissenschaftlich constatirte Thatsache hingestellt werden, die von 'x,i
wiß und so unmittelbar gewußt wird, wie irgendeine, die wir mit unsern ^und unserm Verstände aufzufassen vermögen. ,„is
In gleicher Weise hat der Zwillingebruder des Teleskops, das Mikroskop,zur Anschauung gebracht, daß die Unendlichkeit nicht an die Größe gcbunde
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