718
Die mikroskopische Welt.
mikroskopischer Pflanzen, bei denen es durchaus nicht gelungen ist, die charakteristischeblaue Färbung der Cellulose, die ste von der thierischen Membran unterscheidet, durchJod und Schwefelsäure hervorzurufen (Kostookinae, Oseillarinae, fast alle Pilze).
Cellulose bei Thieren.
Dagegen hat man thierische Gewebe entdeckt, die aus Cellulose bestehen. ESwar schon lange bemerkt worden, daß, während die Membran der Hähern Wirbel-thiere aus sehr stickstoffreicher Substanz besteht, der Stoff, aus welchem die Haut-bedeckung der niedern Thiere, insbesondere der Insekten, Krebse und vieler Würmergebildet ist, das sogenannte Chitin, sehr arm an Stickstoff und in seiner Zusammen-setzung der Holzfaser nahe verwandt ist. Endlich im Jahre 1845 beobachtete C.Schmidt in Dorpat, daß bei einem niedern Scethiere (tlzuitliü, mumillosu) ein gan-zes Gewebe aus Holzfaserstoff bestehe, und Loewig in Brcslau und Kölliker inWürzburg wiesen dieses wunderbare Factum bei einer ganzen Thierclasse, den Tu-nikatcn oder Mantelthicren nach. Die Tunikatcn sind Muschelthiere ohne Kalkschale;das Thier hangt nämlich frei in einem rings geschlossenen Sack oder Mantel, deran zwei Punkten durchbohrt ist, um das Wasser sammt der Nahrung eintreten unddie unverdaulichen Reste wieder auswerfen zu lassen. Dieser Mantel zeigt eine sehrzierliche Structur, deren auffallendste Elemente große kugelige Zellen sind. Benetztman ein kleines Stückchen des Mantels mit Jod und Schwefelsäure, so färbt essich schön blau, und die chemische Analyse hat ergeben, daß seine elementare Zu-sammensetzung der Cellulose ganz gleich ist. Wir haben also hier in einem leben-digen Thiere gewissermaßen einen Körpcrthcil aus Holz: eine Thatsache, die aus desersten Blick ebenso widersinnig erscheint, als wenn man von einem ledernen Stein,von silbernem Eisen sprechen wollte. Die Tunikatcn treten entweder als ein-zelne Thiere auf (^8eiciis), oder sind in größerer Anzahl vermittels ihres hölzer-nen Mantels zu langen Ketten (8<i>pa) oder zu kugeligen Walzen (k^rosoms)verbunden.
Der Satz, daß nur die Membran von Pflanzenzcllen auS Cellulose besteht,ist zwar durch diese Beobachtung noch nicht umgestürzt; denn Hermann Schallstist 1851 in einer mikroskopischen Untersuchung über den Mantel der Tunikatcndem Resultate gekommen, daß die Cellulose in diesem Gewebe nicht die Menibra"der Zellen selbst bilde, sondern nur zwischen denselben, als sogenannte Jnkercellulak'substanz vorhanden sei; die eigentliche Zellmembran sei hier, wie bei allen Thiers'len, ein dünnes stickstoffreiches Häutchen. Neuerdings hat Virchow das Vorkow'men der Cellulose auch im Menschen, und zwar im Gehirn und in den Nervengezeigt, wo es in Gestalt vielschaligcr, das Licht stark brechender, stärkekornähnEKörperchcn, der Korpora sinzlaeeä, auftritt; Jod und Schwefelsäure färbt diestben blau. Von anderer Seite wurde die Ccllulosenatur dieser Körperchcn bezwciss^und derselben vielmehr eine fctlartige Zusammensetzung zugeschrieben, indem auchFette, Cholcstein, durch Jod mit und ohne Schwefelsäure violett und Himmelsgefärbt würden. Cohn in Brcslau zeigte schon im Jahre 1852, daß der bei ^Algen und Infusorien sehr verbreitete zinnober- und karminrvthe Farbestoff e>" h,sei, welches sich aus dem Chlorophyll entwickelt und durch Jod so blaugefärbtals sei es Amylon. Doch scheinen die neuesten Untersuchungen von Virchow,. ^ä-Icschott und andern das Vorkommen von Cellulosekörperchen im Menschen S" ^ alstigen. Durch diese Entdeckungen ist das Gewicht, das man auf die Cell" .^ertUnterscheidungsmerkmal zwischen Thieren und Pflanzen legte, bedeutend **1^ siel-worden; denn man wird jetzt die Möglichkeit wenigstens nicht mehr in .stosslen können, daß auch bei einfachern, mikroskopischen Organismen der Holzölvielleicht sogar in der Hautschicht selbst vorkommen und dadurch die Unterscheidungselben von Pflanzenzcllen bedeutend erschweren könne.