Die mikroskopische Welt.
749
Epidemien in neuester Zeit welthistorische Bedeutung erlangt haben, werde ich amSchluß dieser Abhandlung nochmals zurückkommen.
Die mikroskopischen Thiere: Infusorien.
Indem wir jetzt die schmale Grenzlinie überschreiten, welche die Thiere unddie Pflanzen gerade im Gebiete der mikroskopischen Welt voneinander scheidet,treten wir zunächst ein in das wunder- und geheimnisvolle Reich der Infusorien.Die Kenntniß dieser kleinsten Thiere beginnt mit dem Jahre 1675; denn im Aprildieses Jahres entdeckte Leeuwenhoek die ersten Infusorien mit Hülfe eines einfachenMikroskops in einem Gefäße mit Rcgenwasser, das er eine zeitlang im Zimmerhatte stehen lassen. Bald daranf beobachtete er andere Arten im Brunnen-, Regcn-und Schneewasser, selbst im Wasser des Meeres; ja es gelang ihm zahllose kleineThicrchen in einem Gesäß mit Pfeffer künstlich zu erzeugen, den er mit Wasserübergössen hatte, um die brennenden Eigenschaften dieses Gewürzes zu untersuchen.Von diesem Pfefferaufguß ist seit Wrisberg (1765) der ganzen Classe der Name derAufgußthierchen, Jnfusionsthierchcn, Infusorien, geblieben. Leeuwenhoek selbst undseine Nachfolger bezeichneten diese Wesen, die ihnen mit Anklang an die DemokritischeAtomen- und die Leibniz'sche Monadenlehre als die sichtbaren lebenden Atome derWelt erschienen, einfach als Thicrchen, ^nimaloulii. Hiermit hängt zusammen, daßdiese ersten Beobachter, die überhaupt in der Betrachtung der mikroskopischen Orga-nismen weniger ein wissenschaftliches Studium als eine gemüthliche Belustigung undAugcnergötzung suchten, auch davon keine Ahnung hatten, daß unter diesen kleinstenThicrchen neben verschiedenen Larven, Würmern und andern höher organisirten For-men, auch eine besondere und ganz' eigenthümlich in sich abgeschlossene Thierclasse niitzahlreichen Familien, Gattungen und Arten verborgen sei, die in ihrem Äußern wiein ihrem Bau von den übrigen Abtheilungen des Thierreichs wesentlich verschieden.ist und die niederste Stufe desselben einnimmt. Erst der dänische Staatsrath OttoFriedrich Müller (1774 — 86), der den Infusorien ein besonderes jahrelanges Stu-dium >vidmete, brachte einiges Licht in das 6Iigc>8 ir>fu8ic>num, wie Linne in bezeich-nender Weise die Welt der mikroskopischen Organismen nannte; er vertheilte diesel-be» in 17 Gattungen mit 579 Arten, die er nach Linne"scher Weise durch kurzeDefinitionen und durch werthvolle Abbildungen erläuterte. Da er jedoch unter dieseArten vieles Fremdartige einordnete, und oft verschiedene Zustände derselben Formals verschiedene Species aufführte, so sind wir heute kaum im Stande, die Hälfteder Müller'schen Arten wicderaufzufindcn. Der wesentlichste Fortschritt in der Lehrevon den Infusorien wurde erst 80 Jahre später durch einen Mann herbeigeführt,dessen Namen wir bereits wiederholt erwähnt haben, und auf den wir noch oft zurück-kommen werden, nämlich durch Ehrenberg. Ehrenberg hat seit dem Jahre 1828 die3anze Kraft seines Forschergeistes mit unermüdlicher Ausdauer dem Studium der In-fusorien fast ausschließlich gewidmet, und da derselbe mit der glücklichsten Beob-achtungsgabe für das feinste Detail ein bewunderungswürdiges Gefühl für die Be-gehungen der unscheinbarsten Einzelheiten zu den großartigsten Wcltbcgebenhciten, so-^ie eine sehr gründliche Gelehrsamkeit verbindet, so ist es ihn, gelungen, in der Weltdes Kleinsten eine Fülle des wichtigsten und überraschendsten Materials zu entdecken,von dem frühere Zeiten keine Ahnung hatten. Freilich werden diese ausgezeichneten^ud nicht genug anzuerkennenden Leistungen des berühmten Forschers durch einige Män-3cl seiner Untersuchungsmekhodc in etwas beeinträchtigt: Ehrenberg hat die Bczichun-9su der mikroskopischen Thiere zu den mikroskopischen Pflanzen, die für das richtigeorstächdniß der erster» von größter Wichtigkeit sind, allzu sehr vernachlässigt, über-^ "'ehr an die Verhältnisse der äußern Formen, als an die physiologischen der--"g"'ckelungs- und Lebcnsgcschichte gehalten, auf die allein ein naturgemäßes Systemch gründen kann. Seine großartige Combinationsgabe hat ihn oft die Lücken über-bringen lassen, welche die nüchterne Beobachtung an so vielen Punkten übriglassen"p, und ihn zu weitgehenden Schlußfolgerungen verführt, deren Voraussetzungen