Band 
Eilfter Band.
Seite
770
JPEG-Download
 

770

Die mikroskopische Welt.

kleidet, oben aber offen sind. Indem das von der contrackilcn Blase aufgesaugte,saucrstoffreichere Wasser durch die Kanäle hindurchtritt, vermischt es sich mit demfarblosen Blute, das durch die flimmernden Röhren in dieselben hineingetrieben wird.Auf diese Weise entspricht dieser ganze Apparat etwa einer Kieme, wie wir sie beiden Fischen finden; gewöhnlich wird er als „ Wassergcfäßsystem " bezeichnet. Dader Körper der Näderthiere so durchsichtig wie Glas ist, so sind wir im Stande daskunstvolle Spiel aller dieser Eingeweide in ihrem lebendigen Ineinandergreifen mitunsern Augen zu verfolgen.

Die Fortpflanzung der Näderthiere war bis zum Jahre 1849 im Dunkel ge-blieben. Zwar hatte man schon früh bei diesen Thieren Eier bemerkt, von unvcr-hältnißmäßiger Größe, die sich in einem herzförmigen Eicrstock entwickeln, bei derReife den größten Theil der Bauchhöhle erfüllen und durch die Cloake ins Wasseraustreten, um sich daselbst in wenig Stunden zu einem jungen Thiere zu entwickeln,das bei seiner Geburt zwar nur halb so groß, sonst aber in allen Stücken seinerMutter völlig gleich ist. Bei den Wappenthicrchcn (lii-aeliionu!;) bleiben diese Eier,nachdem sie gelegt sind, an der Schale in der Nähe der Fnßwurzel hängen, undwerden von der Alten so lange umhergctragen, bis das Junge aus ihnen ausschlüpft.Bei einigen Arten (Kollier) durchlaufen sogar die Eier im Mutterlcibe ihre ganzeEntwickelung, sodaß die lebendigen Jungen durch die Cloake denselben verlassen. DieVermehrung der Näderthiere durch ihre Eier ist ganz enorm. Ehrenbcrg hat berech-net, daß bei einem der größten und vcrbrcitetsten Näderthiere, dem Krystallfischchcn(Ilvci.iliiia), das Junge 12 Stunden nachdem das Ei gelegt ist, aus demselben aus-schlüpft und 24 Stunden daraus schon selbst wieder Eier zu legen anfängt. In 48Stunden entstehen aus einem Individuum vier, mitunter vielleicht sogar acht bis zehnJunge; man kann daraus berechnen, daß unter günstigen Umständen in zehn Tagen,ja vielleicht noch früher aus einem Thiere eine Million hervorgehe» kann. Es wirdnun erklärlich, daß die Näderthiere sich fast ebenso unendlich vermehren wie die In-fusorien, daß gewisse Arten das Wasser milchweiß färben und es in einen Rahmzu verwandeln scheinen; ja eine röthlichc Art (lliiiicxlin.i roKonla) bildet karminrvthcFlecken und Ränder am Boden der Gefäße, als seien Blutstropfen hineingefallen.

Aber durch die Beobachtung der Räderthicreicr und ihrer Entwickelung warenimmerhin nur die weiblichen Geschlechtsorgane dieser Thicrclasse bekannt; es fehltennoch die befruchtenden, männlichen Organe, die bei allen übrigen Thieren die Ent-wickelungsfähigkeit der Eier bedingen. Solche Organe ließen sich aber trotz ange-

strengtesten Suchen- nicht auffinden. Ehrenbcrg hatte zwar die Wassergefäße fürmännliche erklärt, die den Samen erzeugten und in die contractile Blase hineinabsonderten. Durch die Ausammenzichung der letztem sollte die befruchtende Flüssigkeitzu den Eiern gebracht werden; hiernach seien männliche und weibliche Organe amThiere vereinigt, und die Näderthiere seien Hermaphroditen, die sich selbst befruchte».Aber wir haben schon oben erwähnt, daß die angeblichen männlichen Organe durchausnichts mit der Fortpflanzung, sondern nur mit dem Athmungsproceß zu thun hätte».Da beschrieb 1849 ein englischer Naturforscher, Dalrymplc, eine in einem Wass""tümpel gefundene neue sehr große und durchsichtige Räderthicrart, ein Nackena»^(dlotommata anglioa), welches sich durch lebendige Junge fortpflanzt, und bemerktebald, daß sich hier im Eicrstock vieler Thiere zwar Junge entwickelten, die >h""Müttern in allen Stücken völlig ähnlich waren, daß aber aus andern Exemplare»Embryonen ausschlüpften von weit geringerer Größe und ganz verschiedener Drg»°nisation. Es waren dies nämlich lebendige Säcke, vorn mit einem wirbelnden Na" /inwendig von Muskeln uud Nervenfäden durchzogen, auch das Gehirn mit dem A»gund da- Wassergefaßsystem war i» ihnen entwickelt; aber von Mund, Gebiß,röhre, Magen und Bauchspeicheldrüsen war keine Spur vorhanden, ebenso seyder Eierstock. An der Stelle des letzter« war eine kugelige Blase vorhanden, strerfüllt mit beweglichen, geschwänzten Samenfäden (Spermazoiden), und diesemündete nach außen durch eine kurze einziehbare, inwendig flimmernde Rohre < o