779
Die mikroskopische Welt.
historische Bedeutung; denn gerade solcher Schlamm ist es ja, der, auf die Ackergebracht, diesen besondere Fruchtbarkeit verleiht, und der berühmte fette Marschbodenist zu großem Theil mit organischem Leben durchtränkt.
Bekannt ist, daß das Nildelta, die uralte Heimat menschlicher Cultur und un-erschöpflicher Fruchtbarkeit, sich erst in historischer Zeit aus dem Schlamm und Sandgebildet, den der Strom von Süden her ins Meer führt und vor seiner Mündungabsetzt; die ägyptischen Priester betrachteten daher mit . Recht ganz Unterägypten alsein Geschenk des Flusses, öcopov iwü 7c2"0P.2v. Noch jetzt lagert eine jede Nil-überschwemmung neuen Schlamm auf den alten Grund und erhöht dadurch fort-während den Boden des Landes, während sie dasselbe zugleich von Jahr zu Jahraufs neue befruchtet. Man hat gefunden, daß sich das Delta in jedem Jahrhundertüber 4 Zoll ('/» Meter) erhebt; in Theben liegt der Boden der alten Tempel 18 Fuß unterder heutigen Erdoberfläche, sodaß 4760 Jahre verflossen sein müssen, seitdem jeneweltberühmten Riesenbauwerke gegründet wurden. Der Nil beginnt Ende Juni zusteigen und wächst bis zum Herbstäquinoctium, steht dann den ganzen Winter hin-durch hoch und fällt vom Anfang des Frühlings an drei Monate hindurch. Bei nie-derm Wasserstande führt er in einer Secunde bei Kairo 21114 Kubikfuß reinen Wassersmit sich; hei hohem Stande dagegen wälzt er in der Secunde 176148 KubikfußWasser, worin 17 Centncr 30'/« Pfund festen Schlammes enthalten sind (im Kubikfuß3'/? Loth). Während der sechs Monate des hohen Wasserstandes führt also der Nil273,068224 Centner Schlamm mit sich, das ganze Jahr hindurch, da bei niedermWasser dasselbe sehr klar ist, etwa 276 Millionen Centner feste Substanz. In die-ser sind nach Ehrenberg's Untersuchung 5 —10°/» organische Bestandtheile, größten-theils Bacillarien und Phytolitharien. Es folgt daraus, daß der Nil Jahr fürJahr mindestens 34 Millionen Centner mikroskopischer Organismen nach dem Deltaführt und zur Erhöhung und Befruchtung des Bodens verwendet, und zwar ent-steht diese ungeheure Masse durch die Vermehrung von Organismen, von denen eineinzelner vielleicht nur den millionsten Theil eines Milligramm wiegt, von denen wol15 Milliarden auf ein Loth gehen. Ehrenberg erklärt hieraus mit Recht, daß dasägyptische Land nicht blos ein Geschenk des Stroms, sondern ebenso gut ein Ge-schenk des kleinsten Lebens genannt werden dürfe. Hält man daneben die zum Theilnoch mächtigern Dcltabildungen des Ganges, Mississippi, Amazoncnstroms und zahl-loser anderer Flüsse, so enthüllt sich vor unsern Blicken ein ungeahntes und wahr-haft überraschendes Wechselverhältniß zwischen den kleinsten mikroskopischen Geschöpfenund den kolossalsten Massenbildungen der Natur in der gegenwärtigen Epoche un-serer Erde.
Nicht minder großartig ist die Vermehrung der Mceresbacillarien; diese kleinenOrganismen sind es in Gesellschaft mit den Polythalamien, die jahraus jahreindie Häfen vcrschlänämen und das Ausbaggern derselbe» durch kostspielige Vorrichtungenerfoderlich machen. Ehrenberg hat den Hafenschlamm von Wismar, Cuxhaven, Pillauund andern Orten untersucht und darin, außer dem durch die Zertrümmerung desStrandes entstandenen, zum Theil schon durch die Flüsse mitgebrachten Steinpulver,ein Viertel bis zur Hälfte des Ganzen organische Wesen, namentlich Bacillarien ge-funden. Diese bilden z. B. bei Pillau jährlich eine Masse von 60—110000 Kubik-fuß; in einem Jahrhundert also würde an dieser Stelle ein Lager von 6—11 Millio-nen Kubikfuß entstehen. Selbst in den Eisregionen des Antarktische» Ocean bildendie Bacillarien weilausgedehnte Bänke und sind die einzigen lebenden Wesen, die demschneebedeckten Mantel des feuerspeienden Erebus in jener fürchterlichen Zone zunahen wagen.
Fossile Bacillarienlager.
Auch innerhalb des Festlandes gibt es viele Gegenden, deren geognostischr Be-schaffenheit in noch nicht genügend aufgeklärter Weise der Vermehrung der Bacilla-*ikn günstig ist. Indem hier sich die Leiche» zahlloser Generationen übereinander-