Die östreichische Monarchie. 811
mit Blut verleihen können, darf umsoweniger auffallen, als ja Blut selbst eigent-lich eine Wasserhelle Flüssigkeit ist, die nur durch zahllose, in ihr schwimmende, mi-kroskopisch kleine, rothe Kügelchen, die sogenannten Blutkörperchen, ihre Färbung erhält.
Auf diese Weise ist es der Naturwissenschast gelungen, alle jene wunderbarenBluterscheinungen, mit denen in frühern Jahrhunderten blöder Aberglaube und finstererFanatismus ihr blutiges Spiel trieben, als einfache alltägliche Naturbegebenheiten fest.zustellen. Dadurch hat freilich die Naturwissenschaft das Wunder zerstört, das ehemalsdiese Phänomene umschwebte. Dafür hat aber die genaue Untersuchung jener un-sichtbaren Welt, zu der auch die verschiedenen, blutähnliche Färbungen veranlassen-den Pflanzen und Thiere gehören, uns andere wunderbare Geheimnisse enthüllt.Wir sahen in ihr ein unendlich mannichsaltiges Leben voll der zierlichsten Formen,der merkwürdigsten Entwickelungen sich entfalten; wir sahen unsichtbare Arbeiter anden riesigsten Werken bauen, Meere verschlammen, Inseln und Berge aus ihm em-porthürmen; wir sahen den Ocean von ihnen gefärbt und mit wunderbarem Lichte über-gössen, Felder und Wälder unter ihrem Hauche dahinsterben, ganze Länder von ihnenvergiftet; wir sahen in tausend bedeutungsvollen Naturbegebenheiten die Spur ihresWirkens sich offenbaren. So hat die Wissenschaft in der mikroskopischen Welt unswahrlich unendlich höhere Wunder erkennen lassen, als sie die abergläubische Phan-taste früherer Geschlechter, die sich nur an oberflächliche Ähnlichkeiten heftete, jemalshätte ersinnen können: Wunder, die nur darum den Geist des Volks minder ge-waltig ergreifen, weil die Thätigkeit der mikroskopischen Organismen still und un-beachtet ihren ruhigen Gang geht, ohne in die Augen zu fallen; das ist aber, ummit dem Dichter des „Nathan" zu sprechen,
— der Wunder höchstes,
Daß uns die wahren, echten Wunder soAlltäglich werden können, werden müssen.
Ohn' dieses allgemeine Wunder hätteEin Denkender wol schwerlich Wunder jeGenannt, was Kindern blos so heißen dürste,
Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,
Das Neuste nur bewundern.
Dr. Ferdinand Cohn in Breslau.
Die östreichische Monarchie
i» Bezog auf ihre materiellen Kräfte und ökonomischen Verhältnisse.
Einleitung.
schwerlich sind über die ökonomischen Verhältnisse, den Bodenreichthum und dieVolkskräste eines im Ganzen doch leicht zugänglichen Landes so widersprechende An-sichten lautgeworden wie über jene des östreichischen Kaiserstaats. Richtet man sichnach der Meinung der Einen, welche namentlich auf die allerdings kläglichen, und wiescheint, unverbesserlichen Finanzverhältnisse, auf die zunehmende Auswanderungs-lust, auf den merkwürdigen Geldmangel auch im Privatverkehre und das Versiegender Capitalien hinweisen, so steht Ostreich am Rande des Verderbens. Das Herr-schenke Steuerausmaß überschreitet die Volkskräste, die Industrie und der Handelüechen in den wichtigsten Zweigen dahin, in der einen Hälfte des Reiches fehlt esA Arbeitskräften, in der andern beginnt ein üppiges Proletariat zu wuchern. DerBodenertrag ist zwar bedeutend, der natürliche Reichthum des Landes unermeßlich,