81 V Die mikroskopische Welt.
sich einfinden könne, und da die Färbung später in den Häusern von über 100Personen sich zeigte, so gelangte das Volk bald zu der Überzeugung, daß man eshier zwar mit einer auffallenden und seltenen, aber durchaus nicht übernatürlichenund Unglück bringenden Erscheinung zu thun habe. Ja man versuchte selbst denprächtig rothen Farbestoff zum Färben der Seide technisch zu benutzen; doch hörtedie Erscheinung im Jahre 1820 wieder auf. Ganz ähnlich war der Vorgang inder Gerhardsmühlc bei Enkirch, wo vom 20. Aug. bis zum Sept. 1821 alle Spei«sen, namentlich aber Kartoffelbrei erst mit einzelnen rothen Tropfen, dann mit breitenblutähnlichen Flecken überzogen wurden. Alle Dienstboten entflohen aus der Mühle,und Niemand wollte mehr Brot kaufen, wozu das Mehl aus ihr genommen war.
Die wissenschaftliche Untersuchung stellte jedoch heraus, daß man es auch hiernur mit einer ungewöhnlich entwickelten, blutähnlichen Schimmelbildung zu thunhabe, wie sie zwei Jahre früher in Padua das Volk in Schrecken gesetzt hatte.Die genaueste Kenntniß von dem Wesen dieser Erscheinung verdanken wir Ehren-berg, welcher im September 1848 aus einem Hause in Berlin Kartoffelbrei erhielt, dersich in einem Schrank mit blutähnlichen Flecken bedeckt hatte. Die rothe Färbungließ sich leicht auf Fleisch, Brot und viele andere Speisen fortpflanzen und breitetesich dort allmälig zu rothen Gallertmassen aus, die wie flüssiges Blut sich abtropfenließen, beim Eintrocknen aber vertrocknetem schwarzem Blut sehr ähnlich wurden. Un-ter dem Mikroskop erkannte Ehrenberg, daß die rothe Substanz aus einer farblosenFlüssigkeit bestand, in der unzählige röthliche, punktförmige Körpcrchen sich befan-den; diese zeigten eine zitternde, wimmelnde Bewegung, durch welche sich Ehrenbergveranlaßt sah, die rothen Körperchen für Jnfusionsthierchen zu erklären, ihnen einenRüffel als Bewegungsorgan zuzuschreiben und ihnen den Namen der Purpur- oderWundermonadcn (dlon.as prolligiosa) beizulegen. Andere Beobachter jedoch haben dieSnicht bestätigen können, halten vielmehr die Bewegung der Körperchen nicht für eineselbstthätige, sondern stellen sie mit der sogenannten Molecularbewegung zusammen,welche auch die kleinsten Atome von unorganischem Ursprung, Kreide, Glasstaub,Karmin und überhaupt alle sehr fein gepulverten Stoffe im Wasser unter dem Mi-kroskop zeigen und die wahrscheinlich von kleinen Strömungen im Wasser herrühren-Deshalb erklären sie auch die dlonas prolligiosu nicht für ein Thier, sondern füreine Pilz- oder Schimmelbildung, die am meisten mit den Gallerten verwandt ist,welche die vibrionenartigen Gliederstäbchen (vaotorium) darzustellen pflegen. Bei derunendlichen Kleinheit der Körper, welche die Blutfärbung auf Brot veranlassen (eshaben ihrer 9—64 Millionen auf dem Raume eine Quadratlinie Platz), läßt sich dieeigentliche Natur derselben schwer entscheiden. Jedenfalls steht soviel fest, daß dieblutartige Färbung gleich ähnliche» Schimmel- und Monadenbildungen sich überallerzeugen kann, wo Speisen bei feuchter Luft in verschlossenen Räumen aufbewahrtwerden; sie kann künstlich hervorgerufen werden, wenn man z. B. Kartoffelbrei inzugedeckter Schüssel an feuchtem Orte eine zeitlang stehen läßt. Daß der Aufbewah'rungsort der Hostien in dumpfen Kirchenräumen der blonas pi-octigiosa besondersgünstig ist, scheint nach den vielen Berichten von angeblichem Blut auf denselben an-zunehmen.
ES ist nach einer Stelle im Lucian nicht unwahrscheinlich, daß das bekanntepythagoräische Verbot des BohnengenusseS dadünb hervorgerufen worden ist,man an gekochten Bohnen, die man einige Zeit stehen ließ, blutige Tropfen beob-achtete. Auch ist es nicht unmöglich, daß die jüdische Sitte, an vier Tagen deJahres an alle Speise» Eisen zu legen, angeblich, damit ein vom Himmel snlleirbeBlutstropfen nicht in sie hineinfalle (Tekupha), sich ebenfalls auf eine wirkliche Bs'obachkung einer solchen blutähnlichen Färbung auf Speisen zurückführen ^
freilich nicht mehr historisch nachgewiesen werden kann, und die nachträglich mystnchDeutung erhielt.
Daß die rothen Körperchen der dtou-,8 prockixi«^», sowie überhaupt rothe mi-kroskopische Pflänzchen und Thierchen dem Wasser oft die täuschendste Ähnlich