Band 
Eilfter Band.
Seite
831
JPEG-Download
 

Die östreichische Monarchie. 831

der momentan bedrängten Landwirthschast, verschuldete auch den Mangel an Arbeits-kräften. Einestheils wurden dieselben von den mit intensiverm Eifer wirthschaften-den Bauern selbst benöthigt, anderntheils, namentlich in den östlichen Provinzen,bewirkten die Trägheit, der böse Wille, ja selbst die Lust, die ehemalig oft harkeGrundherrschaft in Noth und Verlegenheit zu versetzen, den Mangel an disponi-beln Arbeitskräften. Trotzdem daß die Zahl der Arbeitskräfte seit den letzten Iah-

175 Millionen Gulden den Grundbesitz hypothekarisch beleihen. Die Tilgung der Hypvthcken-schuld soll allmälig durch eine Amortisationsrente bewirkt werden. Wie die Crcditanstalt, sowurde auch das Hypothckeninstitut von der öffentlichen Meinung mit der größten Anerkennungbegrüßt, und namentlich die Grundbesitzer sahen plötzlich den Ausweg aus ihren harten Be-drängnissen eröffnet. Und in der That, die Belebung der Industrie und der Agrikultur durchDarreichung entsprechender Capitalkraste sind nirgends mehr als in dem von der Natur ge-segneten Östreich die wahren Mittel, um den Nationalrcichthum zu entwickeln und die ökono-mischen Calamitäten der Gegenwart von Grund aus zu heilen. Eine schwungvolle Industriein Verbindung mit besserer und erleichterter Bodencultur muß schon zunächst den Waaren-undProductcnerport sowie den Silberimport fördern, und damit die nachhaltige Besserung derValuta —- des Krebsschadens, der alle wirthschastlichcn Glieder der Ration und des Staatesbenagt, herbeiführen. Wie günstig allein der Productenhandcl durch Silberimport auf dieöstreichische Valuta wirken kann, davon hat bereits im Kleinen die Getreideausfuhr Nicdcr-östrcichs und Ungarns nach Preußen in den Hcrbstmonatcn des Jahres 1855 einen Beweisgeliefert. Indessen haben die beiden neuen Creditinstitute zur Hebung der östreichischen In-dustrie und Agrikultur, so ungethcilt sie auch im Princip im In- wie im Auslande Anerkcnnung fanden, rücksichtlich der praktischen Ausführung mancherlei Zweifel und Aussetzungenerfahren. Man hat in der Centralisirung der gewerblichen Geldgeschäfte und Unternehmungenin einer großen Aktiengesellschaft die Monopolisirung einer Bankaristokratie gefunden, die noth-wendig die Concurrenz kleinerer, mehr das Lvcalbedürfniß berücksichtigender Gesellschaften aus-schließen muß. Man hat ferner die Bedenken gegen den französischen Lröckit mosiilisr auchauf das östreichische Institut übertragen, und namentlich hervorgehoben, daß die östreichischeCrcditanstalt gleich jenem französischen Unternehmen von den Fluctuationen der Börse ab-hängig sein, also bei bedeutender Baisse unausbleiblichen Erschütterungen unterliegen werde.(Vgl. über den französischen Oeclit mobilisr den Artikel „Das heutige Credit- und Bank-wesen" in diesem elften Bande der „Gegenwart", insbesondere S.-tti-1 sg.) Rücksichtlich derHypothekenbank hat man die Emission von Pfandbriefen im Betrage zu 175 Millionen Gul-den als völlig unzureichend für den ganzen Umkreis der östreichischen Monarchie befunden,zumal als hier das vorhandene Capitalbcdürfniß der Grundbesitzer größer als irgendwo er-scheint und, außer Galizien, keines der Kronländer ein derartiges Lvcalinstitut besitzt. Umdem östreichischen Grundbesitz hinreichende Mittel zu gewähren, müsse daß Hypothckencapitalwenigstens vier mal, ja fünf mal stärker bemessen werden. Hauptsächlich aber hat man esals einen Misgriff betrachten wollen, daß die Hypothekenbank mit der Nationalbank verbun-den worden. Man habe damit das neue so hoffnungsreiche Institut zum Bcigcschäft einerZettelbank gemacht, die bereits-deshalb zahlungsunfähig geworden, weil sie, ihrem Funda-Mcntalcharaktcr entgegen, dem Staate ausdauernden Credit gewährt — und denselben, auflange Frist berechneten Credit solle sie nun auch der großen Menge der östreichischen Grund-besitzer leisten! Zunächst müsse daraus eine Vermehrung der Banknoten und somit, da dieseNoten das Hauptcirculationsmittcl im Lande seien, neue Beklemmung der Valutaverhältnissehervorgehen. Zudem habe die Nationalbank vvm Staate, als Deckung ihrer Federungen andiesen, ungeheure Latifundien im Werthe von 155 Millionen Gulden übernommen, an derensichere Veräußerung ihr Interesse und ihre Existenz ^gebunden sei: es liege darum sehr nahe,daß sie aus den Hypothekenbriefen von 175 Millionen soviel als möglich die Käufer ihrereigenen Güter bedenken werde. Wenn nun aber auch. alle 'diese und manche andere Bedenkenbei der praktischen Ausführung jener Institute selbst von den Freunden Östreichs nicht abge-wiesen werden können, so steht doch fest und wird schon durch die obigen Schilderungen desVerfassers bestätigt, daß die Unterstützung der industriellen und agricolen Production durcheine allseitige Entwickelung deß Privatcrcdits der einzig solide Weg sei, um die wirthschaft-wchen Misständc des so reich begabten Östreich gründlich zu heben, und es bleibt kein geringesVerdienst des gegenwärtigen Finanzministere von Druck, daß hauptsächlich durch seine Be-mühungen Volk und Staat aus diese Bahn geleitet werden. Es ist möglich/ ja wol sicher,^aß alsbald die praktischen Mangel der Crcditanstalt wie der Hypothekenbank hervortretenwerden; aber es liegt auch zugleich in der Natur der wirthschaftlichen Dinge, daß sie, einmalw>t Ernst und gutem Willen umfaßt, unabweisbar zur Reform, zur siegreichen Überschreitungunzulänglicher und beschrankter Maßregeln drängen.

D. Red.