837
Die östreichische Monarchie,
sprechen. So wenig diese Maßregel im Princip gerechtfertigt werden kann, so kannman im Hinblick auf die vorliegenden Verhältnisse ihre momentane gute Wirkungnicht bestreiken.
Diesen Schattenseiten stehen mannichfache Lichtseiten der Grundentlastung gegen-über. Schon jetzt macht sich wenigstens in den westlichen Provinzen eine erhöhteWohlhäbigkeit der Bauern bemerkbar, allerdings durch die seit dem Jahre 1848fortgesetzt steigenden Getreidepreisc begünstigt: ihre Bedürfnisse, ihre Consumtions-krast haben sich sichtlich vermehrt, ihre socialen Verhältnisse gebessert. Es ist ge-wiß, daß die Baucrnhäuser in den deutschen Erbländer» ein netteres Ansehen anzu-nehmen beginnen, daß den Erdgeschossen neue Stockwerke aufgesetzt, die althergebrachtenkleinen Fenster, bloße Luftlöcher, erweitert werden. Die Handelskammern berichten,daß der Absatz an Manufakturen in den Dörfern namhaft steigt. Die Landleutesind wähliger geworden, und während früher nur die schlechtesten, aber billigenWaaren eine Nachfrage erhielten, werden jetzt nur solid gearbeitete, wenn auch min-der wohlfeile Producte gekauft. Früher sah man nur mitOlfarbe getünchten Haus-rath von gemeinem Tannenholze in den Bauernstuben, jetzt sind polirte Möbel keineSeltenheit mehr. Auch der Kaffee findet größer» Eingang unter dem Landvolkeund scheint den Branntwein zu verdrängen. Die Kluft zwischen dem Bauerund den Hähern Ständen füllt sich allmälig aus, die nächste Generation wird zahl-reiche in Realschulen gebildete Grundbesitzer erblicken, welche auch in den äußernFormen der modernen Cultur näherstehen. Nur der gehobenen Stellung desBauernstandes ist der auffallende Andrang an die Realschulen, die aller Orten er-richtet werden und die Zahl der Besucher kaum fassen können, zuzuschreiben. Da-mit hängt wol auch die beginnende Verödung der Priesterseminarien zusammen. Die-selben rekrutirten sich fast ausschließlich aus Bauernsöhnen. Seitdem den Lctztern inder Welt ein freundlicheres Loos winkt, fühlen sie keine Sehnsucht nach dem Prie-stcrstande, zu dessen Fortpflanzung gegenwärtig Knabcnseminarien angelegt werdenmüssen.
Auf die Bewirthschaftungswelse des größer» Grundbesitzes hat die Entlastungnoch nicht den erwarteten reformirenden Einfluß gewonnen. Noch ist man nichtzum Systeme der Verpachtung übergegangen, zunächst weil es an einer landwirih-schaftlich gebildeten Pächterclafse noch gebricht. Daraus hin muß aber mit allerMacht gearbeitet werden, nicht allein weil sich auf diese Weise der Bodenertrag er-höht und somit eine Ermäßigung der Getreidepreisc eintreten kann, sondern auch weilnur durch die dem Bauer näherstehenden Pächter der Erstere zu Nesvrmen an-geeifcrt werden wird.
Daß die Entlastung die Steigerung der Preise zur nächsten Folge hatte, kannnicht befremden: war doch mit einem Schlage die Arbeit theurer geworden. Mit-wirkend war allerdings außer der cntwerthetcn Valuta die Furcht der^großen Grund-besitzer, welche sich durch Nobotaufhcbung dem Ruine preisgegeben glaubten und gleich'm Beginne unverhältnißmäßig die Preise in die Höhe trieben, was sich besondersbei dem Brenn- und Bauholze fühlbar machte, wo die Besitzer geschlossener Forsteeine Concurrenz zu fürchten hatten und eben deshalb für die ohne Entschädigung'Aufgehobene Handrobot sich einen reichen Ersah schufen. Daß die Preise sich wie-er auf das alte Niveau senken, daß Östreich den Ruhm des wohlfeilen Landes wie-dergewinnen werde, ist schwer anzunehmen; darin liegt aber noch an und für sichNachtheil, wen» das Geld überhaupt wohlfeiler wird. Aber auch dies kannU'cht angenommen werden, daß die gegenwärtigen abnormen Zustände, welche trotz^ schlechten Valuta stetkincr Getreide auf östreichische Märkte mit Vortheil zu brin-gestatten, andauern werden. Alles hängt von der rascher» oder langsamern Con-wudirung der Verhältnisse in Ungarn und Galizien ab. Gelingt dieselbe, so ist diedos der östreichischen Landwirthschaft sichergestellt. Auffallend muß es erscheinen,die Entlastungspapiere, obgleich fest fundirt, in Annuitäten tilgbar und zu 5°/.rzmslich, dennoch fortdauernd um 10^, tiefer im Curse stehen als die StaatS-