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Eilfter Band.
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863
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Die östreichische Monarchie. 863

unterstützungs- und Sparkassen vorhanden, zu welchen noch die in jüngster Zeit vonden Arbeitern selbst gegründeten Unterstützungsvcreine kommen. Zn der Wohnungwaren bisjeht die Fabrikarbeiter verhältnißmäßig schlecht bestellt, aber auch hier be-ginnt seit der Verpflanzung des englischen Cottagesystems in die böhmischen Jndu-striebczirke eine Besserung einzutreten.

Nach dem Gesagten hat die gewöhnliche Behauptung von dem viel schlechter»Schicksale der Industrie- und namentlich der Fabrikarbeiter, mit jenem der Hand-werksgesellen verglichen, keinen Grund. Im Gegentheil läßt sich die ungleich ge-drücktere Lage der Handwerksgesellen vieler Gewerbe aus dem platten Lande durchsichere Zahlen belegen. Wenn dieselben trotzdem dem natürlichen Gesetze nicht fol-gen und gcwinnreichere Beschäftigungen verschmähen, so erklärt sich dies theils aus derHoffnung, später zu einer freiern Selbständigkeit zu gelangen, theils aus ihrer vcr-hältnißmäßig gesicherten Lage. In dieser Beziehung haben sie allerdings vor denFabrikarbeitern eilten wichtigen Vorzug voraus. Sie werden weniger von ungün-stigen Handclsconjunctureu, von dem Judustriewechscl betroffen als diese, und er-freuen sich einer stetigem Arbeit. Sie verdienen meist weniger als ihre Fabriksgc-noffen, aber sie sind von der Furcht befreit, daß schon im nächsten Augenblicke eineneue Erfindung, eine industrielle Revolution, eine veränderte Handelsrichtung ihreganze Erwerbsfähigkeit vernichte. Das traurigste Beispiel, wie Veränderungen inIndustrie und Handel ganze Gcwerbsclaffen zu Boden schlagen, bieten die We-ber. Unter der günstigsten Voraussetzung verdient eine Webcrfamilie von fünf Per-soncn, unter welchen drei eine unausgesetzte Beschäftigung haben, im Jahre nur144 Gulden, nämlich der Mann 60, die Frau 50, das Kind 34. Von dieserStimme müssen 44 Gulden für Miethe, Heizung, Seife, Wohnung abgezogen wer-den, sodaß nur 100 Gulden oder 16'"/iü<> Kreuzer per Tag für die Nahrung übrig-bleiben. Dies ist das Verdienst des Baumwollwcbcrs, jenes des Leinwebers ist nochgeringer, ja, Letzterer wenn er nicht noch Nebengeschäfte treibt, ist gänzlich unfähig,von seiner Arbeit sich zu ernähren. Aber abgesehen von diesen beiden Industriezweigenerscheint der Lohn des Industriearbeiters im Durchschnitte höher als jener des Hand-werksgesellen, landwirthschaftlichen Arbeiters oder Dienstboten, wobei noch berücksich-tigt werden muß, daß beim Industriearbeiter auch -die weiblichen und jungen Gliederder Familie gewöhnlich erwerben können.

Nach den reichcnbcrger Erhebungen besitzen die höchsten Löhne: die Buch- undSteindrucker (260 Gulden), Schafwolldrucker (258 Gulden), Baumwolldrucker (217Gulden) und Maschinenbauer (212). Der Lohn bei den meisten Handwerken stehtzwischen 180—100 Gulden; den niedrigsten Lohn erhalten die Leinweber (80 Gul-den), Papiermachearbeitcr (75 Gulden) und Edelsteinschleifer (75 Gulden). DerLohn der fast nur in Fabriken beschäftigten weiblichen Arbeiter schwebt zwischen derScala von 150 Gulden (in Webcrkanimfabrikcn) — 15 Gulden (Leinenhandspinne-rei), jener der Kinder zwischen 87 Gulden (Kratzenfabriken) — 22 Gulden (Lein-weberei). Der Durchschnittslohn der landwirthschaftlichen Arbeiter beträgt 101 Gul-den, der männlichen Dienstboten 107 Gulden und der weiblichen 75 Gulden. Indem geringen Gewinn, der auf der Dicnstbotenarbcit ruht, in der größer» Freiheitund Selbständigkeit der Fabrikarbeit liegt der starke Antrieb für Mädchen, sichdieser Arbcitsgattung zuzuwenden. Daß für Pomade und kosmetische Mittel keinüeringer Theil des Tagelohns von den Fabrikmädchen ausgegeben wird, ist keineunwichtige kulturgeschichtliche Thatsache.

VI. Der Handel.

Die Erinnerung an die Verschiedenheit der Culturverhältnisse in den einzelnenProvinzen reicht hin, die großen Gegensätze im östreichischen Handelsleben zu er-freu. Während einzelne Städte und Jndustriebezirke die intensivste Thätigkeit aus-reisen, beharrt anderwärts der Handel noch auf primitiver Stufe; während dortArtikel des raffinirten Luxus den Verkchrsgegenstand bilden, beschränkt sich hier der