Die orientalische Frage. 895
im Freien errichteten Doppelthron vermissen lassen. Seit 1700 hatte er die erledigtePatriarchenstelle nicht mehr beseht, 21 Jahre später hat er mit den Worten an diemisvergnügte höhere Geistlichkeit: „Ich bin euer Patriarch", sie abgeschafft und denvon ihm selbst ernannten, nur von ihm abhängigen, „hochheiligen Synod" eingesetzt.
Der Graf Ficquelmont hat in seiner Schrift „Über die religiöse Seite derorientalischen Frage" die Unfähigkeit des russischen wie des byzantinischen Reichs,eine eigenthümliche Civilisation zu schaffen, oder wenn sie eingeführt worden, sie inSaft und Blut zu verwandeln, aus der beiden Reichen gemeinsamen Ursache erklärt,aus der völligen Unterwerfung der geistlichen Gewalt unter die weltliche und der ausdieser Unterwerfung als unvermeidliche Folge hervorgehenden, grundsätzlichen Unduld-samkeit. Der Ausspruch des katholischen und östreichischen Staatsmannes mag durchden soeben sich darbietenden eines preußischen und evangelischen (Bunsen, im zweitenBande der „Zeichen der Zeit"), wenn es noththun könnte, noch unterstützt werden.„Dort auch erhebt sich der hierarchische Sinn, wo er kann, gegen alle Duldungwie gegen alle Erziehung des Volks und der Geistlichkeit, die nicht von ihm aus-geht; und was die Geistlichkeit selbst für die Bildung beider thut, ist unendlich gc-ringer, als was in der katholischen Kirche geschieht. Im russischen Reiche selbsthängt alle Bewegung von einer unbeschränkten Gewalt ab, welche Kaiser und Papstzugleich ist. Die von ihr regierte Geistlichkeit schreitet nach den härtesten Kirchen-gesetzen der Welt ein gegen Geistliche, und bringt diese Gesetze gegen Alle zur Aus-führung nach den grausamsten Verordnungen alter slawischer Barbarei; allenfallsmit Ausnahme Derjenigen, welche sich durch Bestechungen der obern Behörden los-kaufen können. Die Gegenströmung ist nicht allein der Haß der Welt sich
meine der Völker), sondern im Innern selbst der wilde, bis zum Wahnsinn gestei-gerte Haß der Altgläubigen gegen die Staatskirche Peter's des Großen."
Es ist hier einer der tiefsten Punkte des russischen Staatslebcns berührt. Dieallen Regierungen inwohnendc Tendenz, die geistliche Gewalt in ein abhängigesWerkzeug für ihre Zwecke zu verwandeln, ist von den Selbstherrschern Rußlands solange und so folgerichtig und mit solchem endlichen Erfolg ausgeübt, daß schon des-halb einige Andeutungen über das Verhältniß der russisch-griechischen Kirche zurrömischen hier an der rechten Stelle sein werden.
Als Wladimir sich taufen ließ, war seit bald 100 Jahren durch einen byzan-tinischen Patriarchen (867) der Handschuh der römischen Kirche hingeworfen, abervon einer Kirchenvcrsammlung wieder zurückgenommen, und der Urheber der Spal-tung, der Bann und Entsetzung gegen den römischen Papst auszusprechen gewagt,infolge eines Umschwungs der Parteiungen verdammt worden. Fast 100 Jahrenach Wladimir vollzog sich (1053) unter gegenseitigem Bannfluch die Kirchenspal-tung. Es wird nun derjenigen Vorgänge Erwähnung zu thun sein, welche ein ge-legentliches Schwanken der russischen Kirche, eine vorübergehende Annäherung anRom anzudeuten scheinen.
Im Jahre 1073 hatte Jsäslaw, von seinen Brüdern bedrängt, sich an KönigHeinrich IV. (wie man sagt, unter Anerbietung, ihm das Eroßfürstcnthum als Lehnaufzutragen) uip Hülfe gewendet, und als dies vergebens, an Gregor VII., dem eruurch siinm Sohn die Anerkennung der geistlichen und weltlichen Herrschaft desPapstes geloben ließ, wenn der Papst die Polen und die übrige abendländische Chri-flcnheit bewegen wolle, für ihn das Schwert zu ziehen. Die Vermittelung warnicht wirksam genug, um Jsäslaw der Verlegenheit auszusetzen, beim Worte genom-chen zu werden. An Roman, den thatkräftigen, rücksichtlosen Fürsten von Volhy-u>en, entsendete Papst Jnnocenz III. Boten, ihm kraft des von St.-Peter empfan-genen Schwertes die Königskrone Rußlands anbietend, wenn er sich zur römischenKirche bekennen wolle. Roman erklärte, seinem eigenen Schwerte, das besser sei als"as Schwert des Papstes, vertrauen zu wollen. Mit Abscheu wandten die Russenüch von den lateinischen Kaisern von Konstantinopel ab, und Jnnocenz' III. unbe->ungener Blick erkannte sofort die unheilvollen Folgen des pflichtvergessenen Ebr-