906 Die orientalische Frage.
übereingekommen war, die genügende Bewaffnung der Polen selbst zu verhindern.So kann es auch nicht verwundern, wenn Herrmann aus dem dresdener Archiveinen geheimen Artikel des Vertrags von Birsen aus Licht gebracht hat, worin derZar dem König August 20000 Rubel zur Verfügung stellt, um einige Senatorenfür ihre Bemühungen zur Erwirkung des Beitritts der Republik zu dem Bündnißzu belohnen. Daß Peter diesen König mit der äußersten Verachtung behandelte,vollends nachdem er die Feigheit gehabt, Patkul auszuliefern, ist freilich auch nichtzu verwundern. Aber selten ist eine bestimmt ertheilte Zusage rücksichtloscr ge-brochen worden als die des Zaren, daß Livland für Polen erobert werden sollte.Der englische Gesandte berichtet am 8 . Aug. 1710 aus Marienburg, welchen Ein-druck es auf den dort anwesenden König gemacht, als nach dem Fall von Rigader Zar, nicht dem König, sondern sich selbst, nicht etwa vorläufig, sondern defi-nitiv ohne allen Vorbehalt, ohne Rücksicht auf die Verträge, huldigen ließ: derKönig habe gesagt, hätte er solche Treulosigkeit voraussehen können, so würde er dieStadt noch viel lieber in schwedischen als in moskowitischen Händen gesehen haben.Im Neustädter Frieden ward das Ausknnftsmittel getroffen, daß der Zar den Schwedenzwei Millionen Thaler versprach, wodurch denn Livland nicht kraft des Eroberungs-rcchts, welchem der Vertrag mit Polen im Wege stehen würde, sondern unabhängigdavon mittels Kaufs in russische Hände übergehen sollte. Ein Mann hatte voraus-gesehen, wie es kommen würde. Patkul hatte bereits 1699, damals in sächsischenDiensten, geäußert: „Wir müssen darauf achten, daß nicht dieser mächtige Bundes-genösse (der Zar) den Braten uns vor dem Maul wegfresse, d. i. daß er unsnicht Livland selbst mit der Zeit wegfische." Daß Patkul, nachdem er sich überzeugthatte, es sei von Polen nichts für seine Heimat zu erwarten, in russische Dienstetrat, ist ihm als Livländcr nicht zu verdenken, weil er als solcher das schwedischeJoch abzuschütteln und eine» vertragsmäßigen Nechtszustand, der nur in neuen Ver-hältnissen denkbar schien, zu gründen streben mußte; aber innerhalb dieses Strcbensliegt der ganze politische Gesichtskreis des Mannes: er war Livländcr; einen euro-päischen Standpunkt zu nehmen lag nicht in seiner Art. ,
Zum Hause Habsburg hatte der Zar keine nahen Beziehungen, mit Kaiserund Reich kein eigentliches Verhältniß. Der englische Gesandte Scott berichtet ausDanzig im Juli 1712, aus Dresden im März 1713, ganz ernsthaft über ein Markten(barg-, innig) des Zaren mit dem Kaiser über die Bedingungen, unter welchen jenerbereit sein würde, in die große Allianz gegen Frankreich einzutreten, und über einförmliches Projcct einer Theilung Polens, zu welchem Östreich und Rußland denneuen König von Preußen hinzuziehen wollten. Der Umschwung der Dinge, derUtrechter Friede, der Tod Ludwig's XlV. und der Königin Anna veränderten die Welt-lage; in dem neuen Systeme der Allianzen war daS Motiv der vom Zaren in Wienbeantragten weggefallen. Indessen hielt er die Augen auf Deutschland geheftet, undselbst den wenig scharfblickenden Zeitgenossen konnte es nicht entgehen, daß er festenFuß im Reich zu fassen suchte. An eine fast prophetisch klingende Warnung wirdsoeben durch Troxler erinnert. Ein poetischer Anhang, welchen Kaspar Abel seinem„Gründlichen Bericht von vielen Monarchien" (Frankfurt a. M. 1707) beigegeben,enthält diese Worte:
.... „ Der Moskowit,
Der jetzt zwar als ein Freund uns in die Karten sieht,
Und uns die Kunst ablernt, geschicklich mitzuspielen,
Wenn wir nur nicht dereinst selbst seine Stiche fühlen!"
Peter der Große, der so wenig Rücksichten nahm, war es nicht allein zufrieden,sondern drang selbst darauf, daß der Reichstag die Gewähr übernehme für dieNeutralität der im Besitz der nordischen Mächte befindlichen Neichslände; IH„der engen Verknüpfung halber" selbst SchlcSwig und Jütland in dermitinbegriffe» werden sollten (2. April 1710). Die Vermahlung vonGroßen Nichte mit dem Herzog Karl Leopold von Mecklenburg ( 1716 ) schien z