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Die orientalische Frage.
die Anzeige vom Ableben König Friedrich's V. machte, hatte die Kaiserin Thränenfür das Andenken des Hingeschiedenen bereit, und Panin ließ dem Grafen Bcrn-storff sagen, wie sehr die Kaiserin das Verbleiben dieses Staatsmannes im Amtewünsche, als eine Bürgschaft für Dänemarks Wohl und für die Eintracht der nor-dischen Höfe.
Nur Eine Klippe schien noch im Wege zu sein. Panin glaubte für Rußlandals Ausgleichung der gemachten Zugeständnisse irgendeinen materiellen Vortheil inAnspruch nehmen zu müssen: er beantragte demgemäß die Befreiung der russischenHandelsschiffe vom Sundzoll.
In Kopenhagen-herrschte darüber einen Augenblick große Bestürzung. Mankennt die Verträge Dänemarks mit den im Sunde „privilegirten" Mächten; sie habensämmtlich auf den Fuß der begünstigtsten Nation abgeschlossen. Was einer einzigenverwilligt ist, wird selbstverstandcn sofort Gemeingut aller. Bernstorff setzt diesVerhältniß in zwei Depeschen vom selben Datum, einer ostensibeln und einer ver-traulichen, auseinander. Er gibt sich die Mühe nachzuweisen, daß man das Ge-heimniß nicht würde bewahren können, wollte man die Russen heimlich vor Andernbegünstigen. Er weist wiederholt und sehr entschieden darauf hin, daß man inallem Übrigen Rußland wolle zu Willen sein. Der König betrachtet den Vertragals eine wahrhafte Verknüpfung des Systems und der Interessen der beiden Kro-nen; er hofft, die Bande des Bluts, die Beziehungen der Natur werden ihreRechte üben, um, soweit es in menschlichen Dingen möglich, eine innige Einigung(um'on intims) unauflöslich zu machen, zu welcher Alles einladet, und der nichtsim Wege steht; er ist nicht allein zu bloßem politischen Einverständniß bereit, son-dern zum innigsten Vertrauen.
Bernstorsss Entwickelung hat ihre Wirkung gethan. Die Kaiserin erklärt, siewolle nicht, daß auf dem Begehren ferner beharrt werde, sie habe von der augen-scheinlichen Unmöglichkeit sich überzeugt. Dagegen wird ein Separatartikel vorge-schlagen und genehmigt, dessen Eingang wiederum, nachdem der einzige Stein desAnstoßes entfernt worden, die vollkommene Einigung beider Reiche, ihrer natür-lichen unwandelbaren Interessen verkündigt, weshalb denn Dänemark der russischenSchiffahrt alle mögliche Gunst und Freiheit zusagt, ganz unabhängig von allen gc-legentlichen und vorübergehenden Vcrthcidigungs- oder Freundschaftsbündnissen. Affe-burg ist so durchdrungen von der exceptionellen Art des Verhältnisses, daß er ineinem Privatschreiben an Bernstorff Rußland als einen Verbündeten bezeichnet, dernichts von Dänemark sodern wird, der Alles für Dänemark vermag und Alleswill (gui pout st czui vsut taut pour lui). Assebnrg war am russischen Hose der-maßen porsoiw grata geworden, daß die Kaiserin ihm, ohne daß er deshalb aus demdänischen Staatsdienst trat, den Auftrag einer an deutschen Höfen anzustellendenBrautschau (es handelte sich um Paul's Verheirathung) ertheilte. Er war auchbereits so gut russisch, daß er bei Gelegenheit einer Sendung nach Stuttgart, diedurch die Beschwerden der würtembergischen Stände gegen den Herzog Karl ver-anlaßt war, auf eigene Hand dem Grafen Panin vorschlägt, Rußland möge dieGarantie des Erbvergleichs mit übernehmen, es werde sich dadurch der von Paningeäußerte Wunsch verwirklichen lassen, „daß Rußland einen nähern Antheil an derdeutschen Verfassung nehme". Das war im Jahre 1770; zehn Jahre spater ent-wickelte er in einem Berichte aus Regensburg, die Garantie des Teschener Friedensgebe Rußland das Mittel in die Hand, in deutsche Neichssachcn, politische oderkirchliche, sich einzulassen, soweit es wolle (pour sulont cpi'ells vouclr-,).
Wir haben alle diese Einzelheiten hervorgehoben, weil es sich in der Thatnicht um einen Gebietstausch handelt, sondern um etwas ganz Anderes. Wir wollennicht untersuchen, ob Bernstorff übertreibt, wenn er diese beendigte Unterhand-lung die schwierigste nennt, die es in Europa gegeben; aber gewiß ist, daßwan in Kopenhagen sich Glück wünschte und ein sehr gutes Geschäft gemachtin haben überzeugt war. Es ist oftmals die Frage aufgeworfen worden, wie