Band 
Eilfter Band.
Seite
925
JPEG-Download
 

925

Die orientalische Krage.

über Deutschland zu lese». Und war für einen Eindruck, meint man wol, mögenden« Orientalen die Auffassungen von Abendländern geben, die ohne Vertrautheitmit der Sprache die Türkei bereisen und ihre Wahrnehmungen der Welt darlegen?

Rußland und Preußen bis zur ersten Theilung Polens.

DaS Verhältniß, in welches Friedrich zu Rußland trat, ist für Deutschlandein so unheilvolles geworden und bis auf diese Stunde geblieben, daß man es demAndenken des großen Königs schuldig ist, die äußern Umstände, unter welchen erder Versuchung unterlegen, in Erinnerung zu bringen. In dieser Beziehung hatResmi-Achmed ganz das Nichtige gesehen, wenn auch nicht ganz geschickt ausge-drückt: „Wiewol König Friedrich durch festes Ausharren und Tapferkeit sich unterseines Gleichen großen Namen und Ruhm erworben, so mußte er doch als unter-geordneter Fürst, der mit seinem Oberherrn den Krieg begann, zu irgendeiner gro-ßen Macht seine Zuflucht nehmen."

Kein Zweifel: den Unternehmungen Fricdrich's waren wol sein Ehrgeiz undsein Muth, nicht aber die Mittel gewachsen, über welche er zu verfügen hatte.

Macaulay hat den Enthusiasmus der Engländer für den Sieger von Noßbachsehr lebhaft geschildert. An seinen» Geburtstag war London erleuchtet, an den Fen-stern der Bilderhändler sah man 20 Bilder von ihn», ehe ein einziges von Georg III.zum Vorschein kam; die Maler waren überall beschäftigt an Wirthsschildern die Zügedes Admirals Vernon zu der wohlbekannten Erscheinung des Alten Fritz mit Hutund Zopf umzupinseln. Aber wenn Goethe keine besondern materiellen Vortheiledarauszog, daß „selbst der Chinese Lotte und Werther auf Glas zeichnete^, so wares für den König von Preußen mit dem Enthusiasmus der Engländer ein Ähnliches.Die englischen Hülfsgclder waren im October fällig, als Lord Bute sie verweigerte,war tiefe Ebbe in Friedrich's Schah. Im Rückblick auf diese Zeit ruft Friedrichaus: „Dieser Engländer meinte, das Geld thue Alles und Geld gebe es nur inEngland! Aber woran hänge» die Anliegen der Welt, die Entwürfe der Menschen IDie Kaiserin von Rußland stirbt (8. Jan. 1702), ihr Tod täuscht alle Staats-männer ...."

Daß Friedrich keinen unbedingter» Verehrer hatte als den Großfürsten, dernun als Peter Hl. den russischen Thron bestieg, ist bekannt. Soll der Letztere doch,wie der junge Brühl versichert, sich später gerühmt haben, daß er die Fcldzugsplane im-mer seinem königlichen Freund, dem Feinde Rußlands, mitgetheilt habe. Daß ernichts Angelegentlicheres zu thun hatte, als seine Truppen zur Verfügung des Kö-nigs zu stellen, versteht sich von selbst. Die Wirkung hat Friedrich sehr einleuch-tend dargestellt. „Denke man sich, daß 20000 Östreicher aus Urlaub abwesend,20000 Russen weniger auf der Seite des Feindes standen, diese 20000 Russe»ferner jetzt zum Heere deS König- zählten, so hat man einen Unterschied von60000 Mann zu Gunsten Preußens. Hätte der König drei große Fcldschlach-ten (trois kalgjlles rsngäes) gewonnen, sie hätten ihm keinen größer» Vortheilverschafft."

Daß Peter sehr bald Thron und Leben einbüßte, schien einen Augenblick die-fen Gewinn in Frage zu stellen, besonders als Katharina'- Manifest unter den An-klagen gegen ihren entthronten Gemahl auch diese enthielt (neben der Erschütterungdes rechten Glaubens), daß er nämlich mit dem ärgsten Feinde Rußlands Friedengeschlossen. Bald aber fand sich, daß Europa durch einen bloßen Übersetzungsfehlerdiese auffällige Sprache in dem Manifest gelesen; es hätte nur heißen sollen, Nuß-lands Ruhm sei den Feinden aufgeopfert. Katharina hatte mittlerweile Zeit ge-habt, aus Friedrich's Correspondenz sich zu überzeugen, daß er ihrem Gemahl?Ute, auf Einsicht in Rußlands Interessen begründete Rathschläge ertheilt, und zuüberlegen, wie wichtig es sein könne, sich der Ergebenheit und des Mitwirkens vonPreußen für Rußlands Entwürfe zu versichern. Katharina's Haltung hat den Sie-