X Schlußwort.
ftitige Verhältniß der gesellschaftlichen Classen, auf die sociale Frage, als den Quell-punkt und die Grundbedingung unsers öffentlichen Lebens und ja auch aller Einzel-schicksale. Vielleicht darf sich gerade die „Gegenwart" das Verdienst beimeffen, inDeutscbland mit zuerst die Behandlung dieser wichtigen Angelegenheit über die nega-tive Erörterung und Schilderung hinausgehoben und selbst in den Momenten, woihr beinahe die öffentliche Meinung ganz entgegenstand, auf die Wahrheit und Be-deutung des Princips hingewiesen zu haben, welches die gegenwärtige gesellschaftlicheLage, aber auch deren Zukunft — die Ausgleichung unserer gesellschaftlichen Misver-hältnisse bedingt. Das Werk sucht endlich auch drittens die reiche Thätigkeit unsererZeit auf dem Gebiete des Geistes, wie sich dieselbe in Kunst, Literatur und Wissen-schaft abspiegelt, zu entwickeln, und ihrer populären Richtung gemäß vornehmlich die-jenigen Momente festzuhalten und zu erläutern, wo die wissenschaftliche Bestrebungder praktischen Cultur ihre unmittelbaren Dienste leistet. Daß aber in' allen diesenKreisen Deutschland, sein Interesse, sein Schicksal, seine Verhältnisse und seine Zukunftin den Mittelpunkt gestellt werden, bedarf gewiß keiner Entschuldigung.
Wol Niemand, der die ungeheure Mannichfaltigkeit und die tausendfältigen Rei-bungen, die raschen Niederlagen und Siege auf allen .Gebieten, die fast fieberhafteEntwickelung aller Dinge und insbesondere die beispiellosen Culturschöpfungen unsererZeit nur flüchtig überblickt, wird behaupten mögen, diese unsere Zeitgeschichte sei arm,bedeutungslos, sei ein wenig fruchtbares Glied in dem Organismus der menschlichenEntwickelung: solche Meinung würde mehr als beschränkte Parteiansicht, sie würdeintellektuelle und moralische Krankhaftigkeit bezeichnen. So vieler Schmerz, so vieleKlage und Unzufriedenheit auch aus dem Schosse dieses Zeitlebens herausdringen, soist dies doch zuletzt immer nur ein Zeichen, daß die Arbeit und das Ringen der Gegen-wart groß ist, daß es sich in unsern schmerzlichen Krisen um mächtige Entscheidungenfür die Zukunft handelt. Solche Überzeugung hat sich uns überall bei der Losungunserer Aufgabe aufgedrungen, ist uns bei der Auseinanderlegung des reichen Bildesin allen Kreisen und Phasen entgegengetreten.
Zwei Gesichtspunkte waren es vorzüglich, die wir bei der Entwickelung dieserüberreichen, vielverschlungenen und so viele neue Keime emportreibenden Geschichteunserer Tage festgehalten haben: die sactische Wahrheit und die wissenschaftliche, leiden-schaftslose Auffassung, gegenüber der Einseitigkeit und Maßlosigkeit der Partei undder Wandelbarkeit der Tagesmeinung, die wir gerade in dieser kurzen Zeitspanne nurallzu hart und häufig erleben und von uns weisen mußten. Wir haben, um demhistorischen Factum zu genügen, auf dem Gebiete der politischen Geschichte mit wenigenAusnahmen nur solche Männer zu Mitarbeitern gehabt, die inmitten der Ereignissestanden oder gar handelnde Theilnehmer waren, und in Bezug auf fremde Staats-und Volksgeschichte nur solche Mittheilungen gemacht, die uns aus den betreffendenLändern selbst oder doch von Personen zugingen, die dort länger gelebt und diefremden Zustände zu ihrem Studium erhoben hatten. In der Wissenschaft wie inden praktischen Cultur-gebieten aber haben uns durchgängig Gelehrte zur Seite gestan-den, welche sich durch eigene Forschung und großes Fachwissen, zugleich aber durchgedankenvolle und zeitgemäße Auffassung, sowie durch freie, gebildete Darstellung aus-zeichnen. Warum wir dessenungeachtet die Anonymität zur Regel erheben mußten undnur die Namen derjenigen Autoren angeführt, die uns speciell darum ersuchten, bedarfwol keiner, weiter» Erklärung: wir würden auf viele treffliche Beiträge haben verzich-ten müssen, vielleicht unsere Aufgabe gar nicht haben durchführen können, hätten wiranders verfahren wollen. Ebenso wenig brauchen wir erst zu versichern, wie schwersich oft die Männer auffinden ließen mit allen den Eigenschaften, die unsere Zweckeverlangten, und wie viele Bedenken nicht selten zu überwinden waren, ehe sich Zeit-genossen und Theilnehmer der Ereignisse zu derartigen Mittheilungen entschließen konn-ten. Namentlich mußten wir bei manchen Gegenständen der politischen Tagesgeschichteoft länge nach Denen suchen, die Sachkenntniß mit Parteilosigkeit und vorurcheils-lvser Auffassung vereinigten, und wir mußten mit Beharrlichkeit und Festigkeit darauf