90
Die italienische Literatur.
dienen und sich auch den Beifall der Freunde des Classicismus erwerben können,wenn nicht eine jede Neuerung in der Literatur fast immer zum Nachtheile derselbenausschlüge. Wo ein Anstoß einmal gegeben ist, da folgt leicht ein Sturz, und nichtsermuthigt die Verderb« mehr, als wenn sie, gleichviel ob mit Recht oder mit Un-recht, sich auf das Beispiel irgendeines großen Geistes berufen können. Voran un-ter den Schriftstellern dieser dritten Classe, welche sowol Classiker als Romantikerzu ihrer Schule rechnen möchten, stehen Niccolini, Borghi, Mamiani, R. Lambruschini,Gioberti, Balbo, C. Pepoli, Lorenzo Costa und einige Andere.
Endlich muß noch einer Classe von Neuerern in der Literatur Italiens erwähntwerden, nämlich derjenigen, welche laut und beinahe bis zum Überdruß das Studiumund die Nachahmung der classischen Schriftsteller anempfehlen, während sie sich in ihreneigenen Werken gar nicht nach denselben richten. Solcher Schriftsteller, welche ihreGrundsätze gewissermaßen durch die That Lügen strafen, gibt es heutzutage sehr viele.Das ausfallendste Beispiel aber ist Gioberti, der auf jeder Seite seiner Werke dieSchriftsteller des 14. und 16. Jahrhunderts und alle glücklichen Nachahmer dersel-ben in den Himmel erhebt, während er sich doch im Großen und Ganzen weit vonihrer Manier entfernt, nicht sowol in der Sprache, denn diese ist in seinen Schriftenziemlich rein und italienisch, als vielmehr in der schon erwähnten abstrakten und un-bestimmten Art, wie er die Dinge auffaßt und durch allgemeine, von ihm geschaf-fene Formeln ausdrückt, die man sicher bei keinem alten Schriftsteller findet. Dennwer sich diese wirklich zum Muster nehmen will, der muß nicht nur tvscanischeWörter und Wendungen gebrauchen, sondern auch die Dinge mit den ihnen zukom-menden besondern Namen statt mit allgemeinen Ausdrücken bezeichnen, und sich desMisbrauchs enthalten, abstracte Begriffe zu häufig zu personificiren, oder den Ge-brauch complexiver Ausdrücke zu übertreiben.
Die neuesten Erzeugnisse der einzelnen Schulen in den verschiedenen Gattungen der Literatur.
Nachdem wir den Charakter der classischen, der romantischen und der zwischenbeiden in der Mitte stehenden Schule geschildert und die bedeutendsten Schriftstellergenannt haben, müssen wir jetzt die Erzeugnisse aller drei Schulen im Einzelnenkennen lernen: wir müssen zeigen, was und wie viel für die verschiedenen Gattungender Literatur von den genannten Schulen geleistet worden ist; denn nur so lasse»sich die Vorzüge und Mängel einer jeden richtig beurtheilen. Wir beginnen mitder Prosa.
1) Die Prosa: ») Die rednerische (weltliche und geistliche) Prosa.
Politische Redner besaß die classische Schule der neuesten Zeit nicht und.konnte sie nicht besitzen. Denn zu der Zeit, wo diese Schule noch in einer gewissenBlüte stand und noch diesen oder jenen ausgezeichneten Kopf zu den Ihrigen zählte,gab es keine parlamentarische Einrichtungen und keine Freiheit der Rede, und alsnach 4848 die Zeit der politischen Rednerstühle begann, herrschten bereits die Roman-tiker. Obgleich diese Letzter« in ihren Reden, mögen dieselben nun ausgearbeitet oderimprovisirt sein, immer die Schule erkennen lassen, welcher sie angehören oder der siesich nähern, so ist doch Mancher darunter, dem man das Lob eines fertigen, ge-wandten und wirksamen Redners nicht absprechen kann. Die meisten derselben sindAdvocaten, welche schon durch i-reu Beruf selbst gewöhnt sind, vor einen, größer»Publicum zu reden. Indessen g.nossen diese Redner die Gunst des freien Wortes nichtlange; denn nach Verlauf von wenig mehr als einem Jahre mußten sie, infolge derpolitischen Restauration, in allen Ländern Italiens, außer in Piemont, verstummen.Dennoch erwarben sich in dieser kurzen Zeit Ruhm als politische Redner: die Nea-politaner Poeriv, Scialoja, Avossa, Jmbriani, Conforti, Savarese, Pica, Baldacchim,Spaventa; die Toscaner Capoquadri, Salvagnoli, Bufalini, Corbani, Montanelli,Guerrazzi, Trinci; im Kirchenstaate: Orioli, Carls Bonaparte, Farini, Minghetti, Pa»'taleoni, Potenziani, Audinot, Sterbini und vor Allen der Graf Terenzio Mamiani.