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Zwöflter Band.
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110 Die italienische Literatur.

finden konnten, die Musik der Poesie unterzuordnen, wie dies die Griechen verstau- ' ^

den haben müssen. Sei es nun Schuld der Dichter oder der Musiker, gewiß ist,daß die Letztem nicht nur den Erstem gleich, sondern sogar voranstehen wollten, wes- K

halb diese genöthigt waren eine Gattung der dramatischen Dichtkunst zu schaffen, ^

die speciell den Bedürfnissen und Ansprüchen der Musiker entsprach. Jedermann vc

weiß, wie großen Ruhm sich im vergangenen Jahrhundert Metastasio in dieser Dich- ni

tungsart erworben hat. Spater entstand die Ansicht, daß eben kein großes Genie , §c

dazu gehöre, Verse zu machen, die doch beinahe ganz von den Tönen der Musik N

verschlungen wurden, und diese.Art von Dichtung kam demnach so herunter, daß ^

kein wahres Talent sich mehr damit abgeben mochte. Weil aber den Componisten ai

der Text nie fließend und leicht genug war, so erschien ihnen nichts so vollkommenals die eigentliche arkadische Manier, in welcher es noch immer, besonders in Rom, «i

sehr gewandte Dichter gab. Einer der bekanntesten unter diesen war Giacomo Fer-retti, der sich besonders mit der Anfertigung der verächtlich so genannten Libretti E

befaßte. Das musikalische Drama gehörte mit zu denjenigen Dingen, welche in P

jener Zeit die größte Veränderung erfuhren, und vielleicht bot keine Gattung der er

Dichtkunst einen so leichte» Übergang von der arkadischen Winselei und Possenreißerei T

zu dem Toben der Romantiker dar als gerade diese. Dies wird noch klarer, wenn sti

man die Veränderungen betrachtet, welche mit der Musik vorgingen. G

Die sanften Melodien Jomelli's, Cimarosa's, Paisiello's, Durante's befriedig- in

ten die durch die Napoleonischen Kriege erschütterten Gemüther nicht mehr, und dc

Rossini fing an, der Musik mehr Mannichfaltigkeit und Pomp zu geben, indem er- re

den Instrumenten eine größere Wirksamkeit zutheilte, als dieselben früher gehabt G

hatten. Dafür aber, daß er der Stimme einen Theil ihrer Bedeutung entzog, ent- - so

schädigte er durch die Schönheit der Harmonie und Jnstrumentirung sowie durch ko

Spontaneität und Reichthum an glänzenden musikalischen Gedanken. Dagegen suchte >der Neapolitaner Vincenzo Bellini, ein Schüler Aingarelli's, der mit dem tiefsten hc

Gefühle einen äußerst feinen Geschmack verband, der Stimme ihre Vorherrschaft wie- ai

derzugebeu und so die Musik jenem Genre wieder zu nähern, in welchem sich Cima- fe

rosa und Paifiello ausgezeichnet hatten. dc

Hätte Bellini langer gelebt, so wäre es ihm vielleicht gelungen, ein der classi- kr

scheu Literatur würdiges musikalisches Drama zu schaffen. Aber er starb früh, und ni

wenn Rossini das Unglück hatte, die unbedeutendsten Texte aus der arkadischen Schule le!

in Musik setzen zu müssen, so hatte es Bellini mit solchen zu thun, die in Stil dc

und Manier romantisch waren, wie z. B. die von Felice Nomani, obgleich dieser st«

noch von allen Operntextschreibern der romantischen Schule als der vernünftigste gel- sä

ten muß. Die Zahl der Letzter» ist so außerordentlich groß, daß sie unmöglich alle ai

genannt werden können. Wir wollen nur bemerken, daß fast keine Gattung der m

heutigen Dichtkunst so sehr alle gesunde Vernunft, allen guten Geschmack und selbst -

die Sittlichkeit beleidigt wie diese. Zum Glück bleibt bei der Aufführung der,, Text vcganz unbeachtet, da Zeder seine Aufmerksamkeit aus die Musik richtet, welche alles Übrige aifast ausschließlich beherrscht. lb

Die Musik ist in neuester Zeit auf der Bahn der Bellini'schen Reform nicht d>

nur nicht fortgegangen, sondern hat eine andere, ganz verschiedene Richtung einge- ss

schlagen, zum Beweise, daß auch sie — so sehr ordnen sich alle Künste der Herr- Z

schaft der Philosophie unter! — den Einfluß des metaphysischen Transscendentalis- ke

mus des Auslandes hat empfinden müssen. Man findet keinen Geschmack mehr an je

dem süßen und leichten Gesänge, der, wie Dante sagt, „nsll' snims si ssnto, ns g«

si sä ooms"; man liebt das verworrene Gemenge vieler, schwer faßlicher und fluch- T

liger Noten. Das größte Verdienst besteht gegenwärtig in der Überwindung der 1

größten Schwierigkeiten, und die Musik spricht mehr zum Verstände als zum Her-zen. Da überdies unsere Zeit, infolge der großen Fortschritte der Naturwiffenschaf- gl

ten, sich so sehr dem Mechanischen zuwendet — obgleich zu keiner Zeit die Grenzen T

der sinnlich wahrnehmbaren Natur so sehr von der Philosophie überschritten worden in