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Deutsche Literatur im Auslande.
ger den Einflüssen deutscher Literatur und Cultur erschlossen haben, übergehen, hal-ten wir es für zweckmäßig, das Gewicht, welches wir dabei vorzugsweise auf Poesieund Philosophie legen werden, näher zu motiviren. Denn was speciell die wissen-schaftliche Forschung in, ihren verschiedenen Fächern betrifft, so ist diese schon ihremWesen nach so kosmopolitischer Natur, daß es nicht gerade auffallen kann, wenn,was das eine Volk auf diesem Gebiete leistet, von andern aus der Hohe der Wissen-schaft stehenden Völkern in Besitz und Gebrauch genommen wird. Wenn aber dasAusland die poetischen Werke einer Ndtion, in denen sich die eigenartigste Anschauung,das tiefste Gemüths- und Phantasieleben dieser Nation und zugleich ihre Fähigkeit,den Gesetzen höherer Schönheit genugzuthun, sich offenbart — wenn diese nicht blosvon wenigen Liebhabern und Sprachkennern in der Ursprache gelesen, sondern derNeproduction in den Sprachen des Auslandes würdig gehalten werden, und wenn so-gar talentvolle Männer darin wetteifern, die Neproduction dieser Werke auf die mög-lichst hohe Stufe der Vollendung zu erheben: dann erst kann von einer wirklich uni-versellen Bedeutung die Rede sein, welche die Nationalliteratur eines Volks erlangthabe. Ebenso verhält es sich mit der Philosophie, mit welcher ebenfalls die feinernSäfte eines Volks in den Organismus des andern mit übergehen.
Zn Frankreich.
Unter den romanischen Völkern haben uns die Franzosen, wenn auch zu Zeitenam meisten verkannt und selbst verspottet, doch in neuerer Zeit am meisten studirt,anerkannt und selbst nachgeahmt. Natürlich gilt dies nur von den höher Gebildeten;der Masse des französischen Volks ist Deutschland noch immer ein ziemlich unbe-kanntes Land, von dem sie die oft wunderlichsten Vorstellungen hat, und selbst inden Kreisen höherer Bildung fehlt es nicht an schiefen und falschen Ansichten. Dochgibt es einzelne Franzosen, die ein ziemlich gründliches Wissen über uns erlangthaben, ja was die deutsche Philosophie und Denkbewegung betrifft, so ist man inFrankreich an Kenntniß derselben den Engländern sogar voraus, weil der Franzosenicht wie der Engländer vor den höchsten Resultaten der Speculation zurückschreckt,das Kühne in der deutschen philosophischen Forschung vielmehr ihn anzieht und fesselt.Der Franzose liebt das Kühne, den ungestümen Angriff, und hieran hat es derdeutschen Speculation nicht gefehlt. Unter den deutschen Dicht- und Kunstwerkenziehen ihn am meisten diejenigen an, in welchen sich das Eigenartige des Deutschenam schärfsten und entschiedensten ausspricht, während er diejenigen ignorirt, in welchenihm ein ängstliches Nachahmen fremder Muster, namentlich auch französischer, ent-gegentritt. Ja man kann sagen, daß manche der eigenartigsten deutschen Gebilde fastpopulär in Frankreich geworden sind, wie Bürger's Lenore, unter den Goethe'schenFiguren Mignon, Faust, Mephistopheles und Gretchen, der Werther, manche FigurenTheodor Amadeus Hoffmann's, auf musikalischem Gebiete der „Freischütz".
Freilich, solange die Deutschen sich an die Franzosen und die spätern Italieneranlehnten und nicht viel mehr hervorbrachten als matte Copien der Dramen Cor-neille's und Nacine's, oder schwülstig frostige Products im Geschmacke des Marine,oder fade Schäferspiele, oder plumpe Harlequinaden, so lange standen wir bei ihnenin solcher Misachtung, daß der Abbe Bouhours im Anfange des vorigen Jahrhun-derts ganz ernstlich die Frage auswerfen konnte: „8i un ^lismsnck psut svair cle I'ssprit?"Er konnte diese Frage thun, denn Niemand widersprach ihm und so ziemlich Allewaren darüber einverstanden, daß ein Deutscher keinen Geist haben könne. Sie ur-theilten damals nur nach der so trüben Gegenwart, nach der Erstarrung, welche da-mals die Geister in Deutschland fesselte; denn ein Volk, welches die Erfinder derBuchdruckerkunst und einen Luther, einen Ulrich von Hütten, einen Dürer, einenKeplcr und Leibniz zu den Deinigen zählte, verdiente eine solche beleidigende Frage nicht.Aber die Deutschen waren in jenen Tagen einmal ein Spott für das ganze gebildeteEuropa geworden, und sie verdienten es zu sein; sie selbst gaben ja dadurch demAbbe Bouhours Recht, daß Alles, was in Deutschland auf Geist Anspruch machte,