Deutsche Literatur im Auslande. 225
Was den Franzosen durch Übersetzungen oder bloße Berichte von diesen Männernbekannt wurde, bewies ihnen, daß die Deutschen aus ihrem langen Schlafe erwachtwaren, daß sie sich eigene Bahnen zu brechen anfingen, daß sie gelernt hatten, starkund zugleich auch patriotisch zu fühlen, kräftig zu denken und sich in der Poesieenergisch und schwunghaft, in der Prosa geschmackvoll, einfach und bestimmt auszu-drücken. Man wurde so aufmerksam gegen berühmte deutsche Autoren, daß durchRvland's Vermittelung dem Dichter der „Messiade" namentlich wegen seiner Sympa-thien für die Anfänge der Französischen Revolution, deren blutige Übertreibungen erspäter freilich verdammen mußte, der französische Bürgerbrief verliehen wurde — eineAuszeichnung, welcher im Jahre 1792 auch Schiller theilhaftig wurde — laut Be-schlusses der Gesetzgebenden Versammlung. Winckelmann's für eine reinere Auffassungdes Alterthums und der Kunstschönheit epochemachende Ansichten konnten von Frank-reich wie überhaupt von Europa gar nicht umgangen werden, ebenso wenig wie diekritischen Urtheile Lessing's) der die Franzosen durch seine kecken Angriffe gegen dasfranzösische Drama, das bisher ohne Widerrede als Muster gegolten hatte, wahrhaftin Erstaunen setzte, seinen eigenen Urtheilen aber durchzogene poetische Schöpfungenwie durch bahnbrechende Leistungen auf dem Felde der Ästhetik und Kunstkritik (unterletztem namentlich „Laokoon") ein Gewicht verlieh, das zu seinen Gunsten schwer indie Wagschale fiel.
Die Hauptwerke der meisten oben genannten Autoren wurden ins Französischeüberseht, einzelne zum Theil mehrmals. So erschien Klopstock's „Messiade" französischzu Paris ( 1769 — 72) und wurde später noch einige male den Franzosen mund-recht zu machen versucht, z. B. von dem Pastor Petit-Pierre (Neufchakel 1795),der es aber dem Dichter selbst nicht zu Dank machte. Klopstock's Trauerspiel „Adam'sTod" erlebte drei Übersetzungen, darunter eine in Versen vom Abbe N. Ener; aüchmehre seiner Oden fanden Bearbeiter oder Nachahmer. Wieland's „Agathen" wurdenachgeahmt von Frenais und übersetzt von Pernay; „Musarion" von Laveaux,„Oberen" namentlich von Holbach dem Sohne. Einige der Hauptstücke Lessing'sfinden sich im ,, Ibsätrs allsmanck" und im „blouvsau tlmütrs sllsmanck" übersetzt.Lessing's Fabeln fanden in Antelmy (1764) einen Bearbeiter, dessen Übersetzung, dochohne die Dissertation, welche die frühere Ausgabe begleitete, 1799 wieder abgedrucktwurde. „Nathan der Weise" wurde von Eherner nachgeahmt, „wahrscheinlich abernach einer französischen Übersetzung, nicht nach dem Original. Über Herder, dessenanregende neue Ideen unmöglich im Auslande unbeachtet bleiben konnten, erschienengleich nach dessen Tode zwei bemerkenswerthe Artikel in "den „ ^robivss littsrsirss",und noch jüngst sind Herder's Verdienste in einer zu Strasburg erschienenen Schrift:„bltuäö sur llsrüsr, oonsiclörs oowms oritigns littöroirs stv.", gewürdigt worden.Vorzügliche Theilnahme fanden in Frankreich auch Gellert und Salomon Geßner;ja diese Beiden, namentlich der Letztere, galten in Frankreich eine zeitlang als dieHaupttepräsentanten der deutschen Literatur. Gellert's Fabeln wurden von Boullengcrund später in Versen von Toussaint, auch sein „Leben der schwedischen Gräfin" zweimal (1754 und 1779 — 84) übersetzt. Geßner's Idyllen, die auch von mehrennamhaften französischen Eklogendichtern vielfach nachgeahmt wurden, übersetzte Bou-lard, vollständig aber Michael Huber, welcher auch Thümmel's „Wilhelmine", Winckel-mann's Kunstgeschichte u. s. w. übertrug und die Franzosen mit einer Auswahl vondeutschen Gedichten in seiner „Lkoix cks poösiss allsinanckss" bekannt machte. AuchKarl Friedrich Cramer, in Klopstock's Oden „Cramer der Franke" genannt, über-setzte Mehres ins Französische und trug überhaupt durch seinen persönlichen Einflußin Paris zur richtigern Würdigung der deutschen Literatur und besonders seines Lieb-lings, Klopstock, bei. Bürger's „Lenore", die in späterer Zeit in Frankreich sovielGlück machen sollte, wurde erst im Jahre 1811, und zwar nach einer englischenBearbeitung, zum ersten mal ins Französische übersetzt.
Die gewaltige Revolution, welche Kant auf dem Gebiete der Philosophie, na-Die Gegenwart. XII. 15