Deutsche Literatur im Auslande. 231
in „Wallenstein" und „Teil" nur Nachahmungen des „Götz von Berlichingen" er-kennen will. Außerdem wurde „Faust" noch übersetzt von Ste.-Aulaire, der ihn aberzu sehr verdeutlicht oder eigentlich verwässert hat, von dem durch sein tragischesEnde bekannt gewordenen Gerard de Nerval, und von Henri Blaze, dessen Über-setzung, bei einzelnen Misvcrständnissen, wol die beste ist. Auch wurde die Faust-fabel mit Mephistopheles und Gretchen mehrfach, zum Theil melodramisch, für pa-riser -Bühnen bearbeitet. Die Gestalt Gretchen's populär zu machen, trug dannnamentlich noch der berühmte Maler Ary Scheffer bei, dessen LieblingsgegenständeGretchen und Mignon wurden. Inzwischen blieb „Werther" immer noch ein Lieb-lingsbuch der Franzosen, wie unter Anderm die treffliche Übersetzung desselben vondem später als Sscialphilosoph bekannt gewordenen Pierre Leroux beweist, zu derGeorge Sand eine Art Einleitung und Leroux selbst Betrachtungen schrieb. 1850 wurdedie Lcroux'sche Übersetzung in der „Lillllotllsgus-Lllsrpsntisr" wieder abgedruckt,doch ohne die Vorrede von George Sand, aber mit einer Übersetzung von Goethe's„Hermann und Dorothea" aus ck. Marmicr's Feder begleitet. Von der großen Theil-nahme, welche „Werther" in Frankreich genießt, zeugt auch die Wärme, womit derKestnersche Briefwechsel aufgenommen wurde. Fast alle literarischen Journale Frank-reichs brachten sofort darüber Berichte und Auszüge aus dem Buche, das auch vonL. Poley, früherm Attache der preußischen Gesandtschaft, unter dem Titel „tlorrss-ponä-mss äs Costlls st äs Lsstnsr" übertragen und einer Schrift von A. Waschet:„l.88 origiriss äs IVsrtllsr", zugrunde gelegt wurde. Die letzte vollständige Über-setzung des „Werther" ist von L. Enault und wird sehr gerühmt. In einer litera-risch-biographischen Zugabe zu derselben nimmt Enault ebenfalls Bezug auf denGoekhe-Kestner'schen Briefwechsel. „ Wilhelm Meister" wurde zum zweiten male vonToufsenel (1829), „Meister's Wanderjahre" von Demselben (1881) übersetzt, mehredramatische Dichtungen von Guizard und Eh. de Remusat (in den „Lllsks ä'osuvrssäes tüsütrss sirangsrs") und „Wahrheit und Dichtung" als „Llsrnoirss äs 6ost!>s"von der Baronin von Carlowitz, der neuesten Übersetzerin von Klopstock's „Messiade".Auch erschienen in Paris von 1855—87: „Osuvrss äs Costlls", und auf demOdeontheater wurde zur Zeit der Restauration eine Nachahmung des „Clavigo" vonMerville aufgeführt. Der Goethe'schen Übersetzung von Diderot's „Nameau's Neffe"geschah das seltene Geschick, daß ein Vicomte de Säur diese Schrift wieder insFranzösische rückübersetzte, was seiner Zeit nicht geringes Aufsehen erregte. EineAuswahl der Goethe'schen Gedichte von Madame Panckoucke erschien in französischer Über-setzung im Jahre 1825. Außerdem haben Gerard de Nerval, Frau Waldor, Henri Blazeund Emile Deschamps lyrische Gedichte und namentlich die Balladen Goethe's rhythmischübertragen, und oft nicht ohne Glück, soweit die lyrische Sprache der Deutschen sichfranzösisch wiedergeben läßt. Zu erwähnen ist noch, daß Goethe mit Cuvier undGeoffroy namentlich über die Metamorphvsenlehre der Pflanzen in vielfachem Ver-kehr stand, und daß ihm die Akademie durch ihren Secretär Cuvier für die Über-sendung eines Exemplars der zweiten mit der Übersetzung von Soret*) versehenenAuflage ihren Dank ausdrücken ließ. Vorzügliche Beachtung als Kenner und Ver-ehrer Goethe's verdient H. Richelot, der sich auch durch eine gründliche, wenn auchvielleicht nicht ganz vorurtheilslose Schrift über den Deutschen Zollverein und eineÜbersetzung des Hauptwerks von Friedrich List-bekannt gemacht hat. Im Jahre 1845gab Richelot heraus: „slsmoirss äs Oostds, prsoöäss ä'uns introäustion st suivisäss PSNSSS8 st maximss äs Costlls." In der Einleitung zu diesem Werke, wel-ches keine vollständige Übersetzung von „Wahrheit und Dichtung", sondern nur dieinhaltreichern Partien daraus enthält, bemerkt der Verfasser, Goethe werde in allerEwigkeit neu sein wie die Bibel und Homer, wie Shakspeare und Möllere, und niewerde man sich einbilden dürfen, die Tiefen dieses Genius bis zum Grunde durch-forscht zu haben. Ganz besonders merkwürdig erscheint dann noch Richelot's Aus-
*) „Lsssi 8ur Is mstsmorpboss äss pl-mtss. Irsäuit psr k. 8orst" (Stuttgart 183l)