242 Deutsche Literatur im Auslande.
lich auf dem Wege der Bibellectüre, starke Verbreitung zu gewinnen, und auch inToscana äußern sich ähnliche Regungen. Was die östreichische Herrschaft in Oberitalienbetrifft, so kann man nicht leugnen, daß sie den italienischen Unterthanen eine gewissegeistige und literarische Regsamkeit nicht verbietet. Zudem sehen sich die im Staats-dienste Angestellten und Viele, welche mit Deutschen stark in Berührung kommen, ver-anlaßt, sich mit deutscher Sprache und weiterhin mit deutscher Literatur bekannt zumachen, und so sind in Norditalien, außer Turin, wo nach Neigebaur's Zeugnißviele hochgebildete Damen sich mit deutscher Lectüre beschäftigen und aus dem Deut-schen übersetzen, hauptsächlich Mailand und Verona als Pflanzstätten deutscher Culturzu betrachten, während sich Venedig freilich gegen deutsche Einflüsse immer noch eigen-sinnig abzusperren scheint.
Die ersten Wcchselanregungen zwischen Deutschland und Italien fanden vor-zugsweise auf dem Gebiete der Kunst statt. Der Geist der gothischen Baukunst zogauch über die Astren und wirkte besonders auf den Baustil in der Lombardei ein.Der hochberühmte mailänder Dom ist nach den Planen eines deutschen Meistersgebaut worden, den die Italiener Heinrich Gamodia nennen und unter welchem manHeinrich Arier von Gemünd vermuthet. Es ist noch nicht einmal erwiesen, ob dieItaliener die Kunst der Ölmalerei vom Niederrhein empfangen haben, oder ob um-gekehrt diese Kunst von Italien nach Deutschland gelangt, oder ob sie in beidenLändern gleichzeitig und unabhängig voneinander erfunden und angewandt wordenist. Es ist bekannt,' wie sehr das Talent Albrecht Dürer's von den ersten italieni-schen Meistern seiner Zeit bewundert und seine Methode in Kupferstich und Holz-schnitt nachgeahmt wurde. Spätere Berührungen und Wechseleinflüsse ergaben sichdann besonders auf dem Gebiete der Musik. Auch die deutsche Literatur zog zuerstan der Hand der Kunst oder vielmehr der Kunstkritik in Italien ein. Das neueLicht, welches Winckelmann über dieses Gebiet verbreitete, zündete auch in Italien,wo Winckelmann bis auf den heutigen Tag als Autorität angesehen wird. SeineHauptwerke sind zu wiederholten malen ins Italienische übersetzt worden. Dagegen fandLcssing's „Laokoon" erst in viel späterer Zeit Eingang, und zwar im Jahre 1833,wo diese meisterhafte Abhandlung vom Ritter C. G. Londonio unter dem Titel„Hol bsvoontg ; ossis äsi limili üslls pittura 6 äslls possis" übertragen wurde, nach-dem ein Deutscher, Peter Lichtenthal, durch seine nach deutschen Grundsätzen gear-beitete und ebenfalls in Mailand erschienene „Lststioa" ihm den Weg gebahnt hatte.Klopstock's „Messiade" wurde von Zigno, mit welchem Klopstock selbst in Brief-wechsel stand, und noch in neuester Zeit von Pensa und Cesaroto übersetzt. DieBearbeitung Cesaroto's, von welcher die ersten zehn Gesänge in Genua erschienensind, dürfte wol die gelungenste darunter sein. Diese in unserer Zeit vielleicht auf-fallende Vorliebe für die Klopstock'sche Epopöe findet wol in dem Umstäüde ihrenatürlichste Erklärung, daß das darin herrschende rhetorische Pathos überhaupt denItalienern zusagt und in dem Gedichte gewisse Oppositionselemente gegen die strengkatholische Auffassung des messianischen Begriffs liegen, ohne doch in ihrer all-gemein religiösen und rein sittlichen Haltung selbst vom katholischen Standpunkt an-gefochten werden zu können. Interessant ist, was vom Papst Ganganelli und demMarkgrafen von Ansbach-Baireuth erzählt wird. Der Papst hatte eine italienischeBearbeitung der Uz'schen Gedichte gelesen, war von diesen ganz entzückt und priesden Markgrafen bei dessen Anwesenheit in Rom glücklich, in seinem Lande einen sol-chen vorzüglichen Dichter zu besitzen. Der Markgraf hatte biß dahin noch gar nichteinmal gewußt, daß Uz in feinem Ländchen lebe. Erst diesem Vorfalle verdankteUz seine Anstellung als Assessor.
Das Hauptinteresse der Italiener für die deutsche Poesie knüpft sich sedoch, wieüberall, an die gefeierten Namen Goethe und Schiller. Mit Enthusiasmus wurden„Werther's Leiden", die so ganz aus einer über das gesammte gebildete Europa ver-breiteten Zeitstimmung herausgedichtet waren, auch in Italien begrüßt. Eine italie-nische Übersetzung wurde dem Dichter bereits im Jahre 1781 zugesandt, und 1782