248 Deutsche Literatur im Auslande.
Lrungenen deutschen Elements beschwerten, sahen sich doch die Freisinnigen unterihnen immer wieder genöthigt, zu den Quellen deutscher Forschung zurückzukehren,um wenigstens ihre individuelle geistige Freiheit zu wahren. Dafür ist AlexanderHerzen selbst der lebendige Beweis. Bei all seiner Abneigung gegen den angeblichvon den Deutschen in Rußland ausgeübten bureaukratischen und polizeilichen Drucksteht er doch ganz auf dem Boden der deutschen speculativen Philosophie, die beiihm, wie auch bei andern Russen von der oppositionellen Richtung, das Bindemittelabgibt zwischen dem schimmernden Firniß des französischen Esprit und der moskowi-tischen erbarmungslosen Kaustik, welche, auf totaler Welt- und Menschenverachtungberuhend, einen hervortretenden Zug bei vielen russischen Autoren bildet.
Schon Lomonossow, welcher der Vater der neuern russischen Metrik und Schrift-sprache genannt wird und in dieser Hinsicht etwa unserm Opitz verglichen werdenkann, bildete sich vorzugsweise nach deutschen Mustern, wie unter Anderm seine Odeauf die Eroberung von Cholym beweist, die im Günther'schen Ton und Geschmackgehalten ist, und befreundete sich später ebenso mit Uz, Albrecht von Haller, Hage-dorn und andern deutschen Dichtern derselben Periode. Auch hatte Lomonossow dreiJahre lang in Marburg studirt, war ein Anhänger der Wolf'schen Philosophie undhatte sich mit einer Deutschen verheirathet. Der genialere Darschawin war ebenfallsein gründlicher Kenner des Deutschen, ja er kannte, wie es heißt, von den fremdenSprachen nur diese eine. Der Hymnenschwung- der frühern deutschen Odendichterprägt sich auch in seiner berühmten, in alle gebildeten Sprachen und oft mehrfachübersetzten Ode „an Gott" aus. Man darf mit Gewißheit behaupten, daß fast allegroßen russischen Schriftsteller die deutsche Literatur gekannt und meist auch Deutsch-land selbst besucht haben. Karamsin, der Reformator der russischen Prosa, hatte eineganz deutsch-wissenschaftliche Bildung erhalten und bereiste auch Deutschland, desseniiterarische Notabilitäten er kennen zu lernen sich bemühte. Auch der bekannte Staats-rath Gretsch kannte Deutschland durch öfter wiederholten Besuch sehr genau, schriebMehres über Deutschland und ahmte in seinem Roman „Die schwarze Frau", diePhantasienovellistik E. T. A. Hoffmann's nach. Hauptsächlich war es Walsilj An-drejewitsch Schoukowski, der das deutsche Element in der russischen Literatur einbür-gerte und sie dadurch umgestaltete, und der deshalb auch gewöhnlich als der Begrün-der der Romantik in Rußland angesehen wird. Durch ihn wurde die Herrschaft desfranzösischen Alexandriners "vollständig gestürzt und die deutsche Balladenpoesie undim Drama der reimlose Jambus eingeführt. Berühmt ist seine Ballade „Ludmilla",eine Nachbildung der Bürger'schen „Lenore". Es verdient erwähnt zu werden, daßer den Homer, ohne Griechisch zu verstehen, ins Russische übertrug, und zwar ander Hand eines deutschen Gelehrten nach der Voß'schen Übersetzung. Außer vielenBalladen Bürger's, Ühland's, Schiller's und Goethe's übertrug er auch Schiller's„Jungfrau von Orleans" und machte dadurch den deutschen Dichter zuerst in Ruß-land allgemeiner bekannt. Diese Nachbildung wird als musterhaft angesehen. Wieüberall stehen auch in Rußland vorzugsweise Goethe und Schiller am meisten inAnsehen, Kyriak übertrug (Petersburg 1788) den „Werther", Huber, ein geborenerDeutscher, den Goethe'schen „Faust", Rotschew 1830 Schiller's „Wilhelm Tell",und im Jahre 1855 erschien die erste vollständige Übersetzung sämmtlicher GedichteSchiller's in Moskau, herausgegeben von Michailow und Gerbel. Die Mehrzahldieser Übertragungen ist aus der Feder namhafter russischer Dichter, wie Schou-kowski, Koslow, Feth, Tschutjew u. A. Eine russische Anthologie aus Jean Paulerschien zu Petersburg im Jahre 1844. Erst nachdem die Einflüsse deutschen Dich-tens und Denkens den bis dahin etwas hartscholligen Boden der russischen Literaturaufgelockert hatten, waren die Hähern Töne möglich, welche Puschkin und Lermontowin der Poesie anschlugen, obschon nicht zu leugnen ist, daß ein gewisser Aug derfashionabeln Blasirtheit, der Ironie und des Lebensüberdrusses hindurchgeht und eineigentliches Behagen an ihnen nicht aufkommen läßt. Daher fühlten sich dieseDichter auch mehr zu Byron als zu den deutschen Meistern hingezogen.