Band 
Zwöflter Band.
Seite
247
JPEG-Download
 

Deutsche Literatur im Au6!ande. 247

wie aus Deutschland selbst zieht Rußland einen großen Theil der intelligenten Kräfte,die es in Militär- und Staatsdienst nöthig hat. Riga, das früher, wenn auch vor-übergehend, Männer wie Hippel, Hamann, Herder, später Holtei in seinen Mauernsah, bildet mit seinem deutschen Theater, seinen deutschen literarischen Gesellschaften,seinen deutschen Zeitungen, seinen deutschen Bildungsanstalten einen wichtigen Herddeutscher litcrarischer Bildung in Rußland. Auch die zahlreichen sporadisch zerstreu-ten deutschen Colonien in Südrußland verdienen Erwähnung. Die Universität Dor-pat ist vollkommen deutsch, und an den Universitäten Kiew und Kasan wie anden höhern Bildungs - und namentlich Militärbildungsanstalten in Petersburg, Mos-kau», s.w. lehren viele geborene Deutsche. Selbst der Einfluß, den die zahlreichendeutschen Hauslehrer, Musikiehrer und Erzieher in den vornehmen russischen Familienfortdauernd ausüben, ist nicht gering anzuschlagen. In Moskau und noch mehr inPetersburg besteht ein großer und sehr geachteter Theil der bürgerlichen Bevölkerung,des Kaufmanns-, Fabrikanten- und Handwerkerstandes aus Deutschen, die bei allerFügsamkeit gegen das herrschende russische Element doch mit der dem deutschen Cha-rakter eigenen stillen Zähigkeit die Grundelcmente deutscher Bildung und Sitte zu be-wahren wissen. Petersburg hat ein deutsches Theater, deutsche VergnügungSanstaltcnund zwei deutsche Zeitungen, die „Petersburger Zeitung" und die „PetersburgerHandelszeitung". An deutschen Zeitungen erscheinen in Rußland ferner: in Rigader im Jahre 1807 von Garlieb Merkel gegründete „Zuschauer", die „Rigaische Zei-tung" und seit kurzem „Nigaische Skadtblätter", in Dorpat die „DörptscheZeitung"und „Das Inland" u. s. w.

Hierzu kam, daß die Regenten Rußlands selbst zu verschiedenen Zeiten dasdeutsche Element in besondern Schutz genommen, die höhern Bildungsanstallen nachdeutschem Muster gemodelt und berühmte deutsche Gelehrte, unter Andern Leibniz,Euler, Schlözer,,, der sich durch seine Arbeiten über die russische Geschichte undnamentlich seine Übersetzung des russischen Chronisten Nestor hohe Verdienste erwarb,Klinger, Kotzebue, I. G. Gmelin, die Dichter Willamov, von Nicolay, Raupach u. s. w.,theils um Rath gefragt, theils ins Land gerufen, theils, wenn sie. sich im Landebefanden, zu einflußreichen Posten gefördert haben. Kotzebue freilich wurde nachSibirien Lransportirt, dafür bekleiden seine Nachkommen gegenwärtig hohe Stellenim Civil- oder Militärdepartement. Viele der berühmtesten russischen Generale,Staatsmänner, Entdecker und Seefahrer tragen deutsche Namen. Schon zu An-fang des 13. Jahrhunderts fanden deutsche Kaufleute den Weg nach Nowgorod;Iwan Wassiljewitsch und Iwan der Grausame beriefen zum Bau von Moskauund zur Verbreitung ausländischer Cultur viele deutsche Baumeister, Handwerker,Künstler und Gelehrte; vor allem aber gebührt Peter dem Großen das Verdienst,dem deutschen Element in Rußland seinen Einfluß gesichert zu haben. Deutschewurden in großer Zahl herbeigezogen, um bei der Erbauung Petersburgs thätigzu sein. Die Akademie wurde unter diesem Zaren nach einem Plane Leibniz' ge-stiftet, wenn auch erst nach seinem Tode eröffnet, und später die erste russischeZeitung größcrn Stils von einem Deutschen, Gerh. Fr. Müller aus Westfalen, ge-gründet. Mehre Herrscherinnen oder Gemahlinnen russischer Herrscher waren deut-scher Geburt — ein Umstand, der oft von einem entscheidenden Gewicht für denEinfluß deutscher Bildung war und den Altrusscn häufig zu Klagen über das Ver-drängen des russischen Elements durch das deutsche Veranlassung gab. DiesesBewußtsein ergriff zuletzt auch die Massen, und Alexander Herzen bemerkt in seinerSchrift: „Rußlands sociale Zustände", daß die Deutschen einen pedantischen Bureau-kratismus, eine Etikette und Disciplin in die Geschäfte gebracht hätten, die den Sit-ten der Nationalrussen ganz und gar widerstrebten und von ihnen sehr übel empfundenworden seien. Die Reaction blieb nicht äus, und es war bei dem Zar Nikolauswol weniger freier Entschluß als der Drang der Umstände, wenn er sich in denspätern Jahren seiner Regierung mehr und mehr auf das nationalrussische Elementstützte. - Während sich aber die Nationalrussen bitter über die Herrschaft des ringe-