Deutsche Literatur im Auslande- 269
schüft. Man erkannte diese geistige „und sprachliche Verwandtschaft besonders auchin A. W. von Schlegel's Shakspeare-Übersetzung, die wol von manchem das Deutschestudirenden Engländer mit großem Vortheil benutzt worden sein mag. Der freiernund vorurtheilslosern Bewegung der Kritik in England kamen auch die Vorlesungenüber dramatische Poesie A. W. von Schlegel's zu Hülfe, die im Jahre 1816 vonJohn Black unter dem Titel „llsoturss on ärsmatio Hwraturs" übersetzt wurden.Auch in Jean Paul's Schriften erkannte man ein den Engländern verwandtes, hu-moristisches Element, und dabei eine Tiefe und Innigkeit der Empfindung und An-schauung, die doch wieder wesentlich deutsch war und in dieser Energie nicht in Eng-land gefunden wird. Dagegen fühlten sich die Briten von der häufig verworrenen,verwickelten, übereinandergeschachtelten Schreibweise Jean Paul's wie von seiner denBoden der Wirklichkeit nicht selten gänzlich verlassenden Jdealistik und sentimentalenPhantastik im Allgemeinen befremdet, und das „llclinburzü rsvisrv" wußte von ihmbei der Besprechung des Stael'schen Buches nur zu sagen, daß er ein volksthüm-licher Romandichter sei, aber zu national, um überseht zu werden. Doch hatte JeanPaul's witziger Ausspruch: daß den Engländern die Herrschaft über das Meer, denFranzosen über das Land und den Deutschen über die Lust gegeben sei, schon da-mals Glück in England gemacht. Allmälig gewann aber auch Jean Paul größereAnerkennung unter den Briten, die namentlich in einem Artikel des „LümburZKvsvisrv" über Döring's „Leben Jean Paul's" im Jahre 1827 und in einem anderndes „b'orsign rsviorv" im Jahre 1829 beredte Worte fand. In jenem wurde ge-radezu behauptet, daß ein Mann von solcher Größe nicht seiner Nation, sondern derWelt angehöre, daß in ihm etwas Unvergängliches sei, jene Schönheit und jenerErnst der Seele, jener Geist der Humanität, Liebe und milden Weisheit, worüberdie Mode-keine Macht habe, daß in der moralischen Wüste der vulgären Literaturseine Schriften wie eine Oase erschienen, in deren Schatten man sich Erfrischungholen könne. Des Einflusses, den Jean Paul's Denk- und Schreibweise auf einender tiefsten Denker des gegenwärtigen England, auf Thomas Carlyle gehabt, istschon weiter oben bei Gelegenheit Carlyle's gedacht worden. Im Jahre 1839 er-schien Von A. Kennet): „Um äsatb ok an sngsl snä otbsr piooss, translotsck lromtks veorks ok lssn kaul. ^Vitk s skotoli ok lüs liks gncl ollarootsr. " Der Ver-fasser sagt in der Einleitung, daß er für langjährige Leiden und deren Druck ver-gebens unter allen Schriftstellern nach einem gesucht habe, der ihm Trost, Erhebung,Beruhigung und Erheiterung gewähre; da sei er auf Jean Paul gerathen, und beidiesem habe er im reichsten Maße gefunden, was er gesucht.
Unter den Koryphäen der romantischen Schule ist Ludwig Tieck namentlich alsKritiker und Kenner der altenglischen Literatur und Shakspeare's geschätzt, wenigerist er als Dichter gewürdigt und gekannt. Das feine Element der Ironie sagt deman seinen nationalen Humor gewöhnten Briten nicht sehr -zu; die Phantastik, dienichts Reelles mehr übrigläßt, stößt ihn ab, und die literarischen Zänkereien undStreitfragen, auf welche Tieck so häufig Bezug nimmt, sind ihm langweilig odergleichgültig. Doch wurden von seinen Novellen manche übersetzt; so einige im Jahre1825, worunter die „Gemälde", im Jahre 1831 „Dichterleben", ferner selbst seinunvollendeter Roman „Der Aufruhr in den Cevennen", und im Jahre 1845 er-schienen bald hintereinander „Islss krom klmntosus" und „lll>s komsn mstron, orVittorls ^oourombons". Auch brachte das „^tksimsum" nach seinem Tode einerhythmische Übertragung seiner Jugenddichtung „Ein Sommernachtstraum". Mit denKennern der altenglischen Literatur, mit Coleridge, Dyce, Hayward und Colliersstand Tieck in fortdauernder Verbindung, und kein gebildeter Engländer, welcher Dres-den besuchte, versagte es sich, seinen dramatischen Vorlesungen beizuwohnen. JaTieck gehörte damals für englische Touristen gewissermaßen zu den MerkwürdigkeitenDresdens. Chamisso's „Schlemihl" wurde ebenfalls übersetzt und von Cruikshankmit berühmt gewordenen Illustrationen ausgestattet. Fvuque's „Nndine" ist sogar einLieblingsbuch englischer Damen geworden; auch hat man außer „Undine" noch sehr