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Deutsche Literatur im Auslande«
der Vereinigten Staaten jetzt nicht schlechter und nicht besser ist, als sie damals war,wo sie den deutschen Ultraradicalcn als Muster eines republikanischen Gemeinwesensvorschwebte. Die gerühmte deutsche Civilisation muß den Nordamerikanern in derThat in einem höchst sonderbaren Lichte erscheinen, wenn sie dieselbe in dem verzer-renden Hohlspiegel der deutsch-amerikanischen Presse betrachten. Von dem berühmtendeutsch-wissenschaftlichen Geiste trifft man in den Legionen deutscher Blätter kaum eineSpur. Doch wurde im Laufe des Jahres 1855 zu Neuyork eine Wochenschrift:„Die neue Zeit", durch Löwe, ehemaliges Mitglied des deutschen Parlaments, ge-gründet, die, in ihren politischen Raisonnements anständig und den Verhältnissennach gemäßigt, auch viele Mittheilungen über deutsche Wissenschaft, Literatur undKunst brachte. Ob aber diese Zeitschrift zur Zeit noch besteht oder in ihrem Be-^ stände gesichert ist, war von uns nicht in Erfahrung zu bringen. Ebenso ist Essel-len's „Atlantis" in einem, durchaus anständigen Tone gehalten. Im Ganzen aberist diese deutsch-amerikanische Presse, wie schon bemerkt, von einer Form und einemInhalt, daß man es zwar nicht gerechtfertigt, aber doch verzeihlich finden kann,wenn der „Sianclarci" auf Anlaß des oben genannten Buches von Loring Braceüber Deutschland von den Deutschen sagte: „Die Deutschen sind weder ein intelli-gentes noch ein gutes Volk, obschon sie einige gute Eigenschaften besitzen. Sie lei-den zwar nicht an dem Hauptfehler Englands und, fügen wir hinzu, Amerikas —an der Götzendienerei gegen den Mammon; aber ein anderer Götzendienst ist ihneneigen, welcher dafür vollkommen Ersatz leistet — der Götzendienst gegen das eigeneSelbst. Wir wollen ihnen damit nicht gerade jenen gröber» Egoismus zur Last legen,der, Gott sei's geklagt, zu allgemein verbreitet ist, um das ausschließliche Eigenthumeines besondern Volksstammes zu sein; wir verstehen darunter einen gewissen Eigen-dünkel, die Einbildung, daß der Deutsche in intellektueller und moralischer Hinsichtjedem Andern, mit dem er in Berührung kömmt, überlegen sei." Dies läßt sichnoch hören, denn es ist allerdings etwas Wahres daran; aber wahrhaft lächerlichist es, wenn der „8tsnclsrci" dann weiter bemerkt: „Wir selbst haben wol dazu bei-getragen, die Deutschen zu verderben, indem wir ihrer monströs-extravaganten Poesieeine übertriebene Bewunderung zollten, aus ihren Händen Alles, was sie englischenund holländischen Gelehrten stahlen, als tiefe Gelehrsamkeit wieder zurückempfingen,und die trunkenen Träume ihrer größten Querköpfe als vollendetste logische und philo-sophische Systeme feierlich anerkannten." Solche Behauptungen kann man selbst nur„monströs extravagant" und „querköpfig" nennen, zumal wenn man sie mit Theo-dor Parker's Ansichten über die deutsche Literatur zusammenhält.
Überhaupt werden über die Deutschen im Auslande, namentlich die Colonisten,Urtheile gefällt, die nicht verschiedener, und widersprechender sein können. Nach denEinen haben sie einen beschränkten, spießbürgerlichen Verstand, der sich nur auf desLebens Nothdurft richtet, sie sind knauserig, jedes Hähern Aufschwungs, jedes patrio-tischen Opfers für gemeinsame Zwecke unfähig, geistig träge, mürrisch, verschlossen,altväterisch, pedantisch, plump, unterwürfig, zanksüchtig, zerfallen unter sich, roh-vergnügungssüchtig, anmaßend, eigensinnig und dünkelhaft; nach den Andern dagegensind sie im hohen Grade intelligent und aufgeklärt, unermüdlich thätig und arbeitsam,erfinderisch, zwar sparsam, aber dem bloßen Nonsy inaking abgeneigt, Freiheit liebend,männlich, redlich, gewissenhaft, bescheiden, anspruchslos, offen, mittheilsam, häuslich,gemüthlich, heiter, gesellig und namentlich unter sich zusammenhaltend. Es wirdwol hierbei darauf ankommen, welche Gesellschasts- und Bildungsclassen man bei diesenUrtheilen vor Augen hatte. Auch sind ja die Deutschen in Deutschland selbst nichtin allen Gauen gleichgeartek, und von solchen Deutschen, die, zu Hause gedrückt undan ein Regiment von oben gewöhnt, im Auslande mit ihrer Existenz zu kämpfenhaben — von diesen wird man nicht erwarten können, daß in ihrem ganzen Benehmenund Gebaren die ediern und liebenswürdigern Seiten des deutschen Charakters zurErscheinung kommen, daß sie sich frei, heiter und leicht in den neuen Verhältnissenund unter dem fremden Volke bewegen sollten. Bis zu den letzten Jahren unserer