288 Deutsche Literatur im Auslands.
vereine in letzter Zeit periodisch in verschiedenen großen Städten der Union veran-staltet haben, und die dann sür die gesammte Bevölkerung wahre Feste zu sein pfle-gen, durch welche die Anglo-Amerika»er den Deutschen nähergeführt werden. Mitdem deutschen Männerliede fingt sich auch in Nordamerika, wie in andern Ländern,deutsche Sprache und deutsches Gemüth bei den Eingeborenen ein. Hierher gehörenferner die von den Deutschen gefeierten Maifeste, welche sich bereits sogar in demfernen San-Francisco heimisch gemacht haben. Weniger scheinen die sogenannten„Schauturnen" dem Geschmacke der Nordamerikaner zuzusagen, eher ihren Spottherauszufodern. Und nicht nur in den Vereinigten Staaten, nein überall, wo sicheine umfangreichere Gemeinde gebildeter Deutschen festgesetzt hat, bilden sich sofortVereine für gesellige und musikalische Unterhaltung, deren es unter Anderm auch in Rio deJaneiro zwei oder mehre gibt. In der letzten Zeit hat man auch in verschiedenennordamerikanischen Städten Versuche zu öffentlichen Theatervorstellungen gemacht;so erfuhr man aus der „Freien Presse", daß im Jahre 1834 im Mechanic's Hall-Theater zu Philadelphia deutsche Theatervorstellungen stattfanden, welche der dortige„Schiller- und Goetheverein" veranstaltete. Auch in Neuyork gibt es ein deutschesTheater, und unter Anderm wurde dort im Jahre 1853 ein von Struve und Fraugemeinsam verfaßtes Trauerspiel „Abälard und Heloise" aufgeführt, was als eineArt Curiosum erwähnt zu werden verdient.
Eine Thatsache von welthistorischer Bedeutung steht fest, es ist die, daß mittelsder deutschen Emigration auch der Same deutscher Bildung und deutscher Gesittungüber die ganze bewohnte und bewohnbare Welt ausgestreut ist. Der deutsche Geist,selbst soweit er im Bereich der Sitten und geselligen Gewohnheiten zutage kommt,hat etwas Penetrirendes und dabei Zähes; er bricht sich nicht stürmisch, aber sicherBahn,, wo er mit fremden Elementen in Berührung kommt und einigermaßen zahl-reich durch gebildete Deutsche vertreten ist. Wir sehen die Deutschen in Petersburgwie in Moskau, in London, wo die deutschen Arbeiter namentlich in Whitechapel einengeachteten Theil der Bevölkerung bilden, wie in Paris, wo gebildete Deutsche oderAbkömmlinge von Deutschen sogar an den Arbeiten auf den Gebieten der Wissen-schaft, Künste und Journalistik mehr und mehr thätigen Antheil nehmen, unleugbareinen immer großem Einfluß aus Sitte und Cultur gewinnen, wozu noch der Um-stand kommt, daß die Mehrzahl der europäischen Regentenfamilien mit deutschemGeblüt aufgefrischt ist. In London richten sich bereits viele altenglische Familien,welche deutsches Leben in Deutschland selbst kennen und lieben gelernt haben, nachdeutscher Haussitte ein, und die aristokratischsten Familien (wir wissen dies z. B.von Lord Palmerston und Lord John Russell) engagiren so gut wie viele russischeGroßen sür die Erziehung ihrer Kinder am liebsten junge deutsche Gelehrte als Haus-lehrer. Und wenn auch in Frankreich das deutsche Element durch die Vertreibungder Orle'ans eine Stütze verloren zu haben und das romanisch-napoleonische Ele-ment der Ausbreitung des germanischen wenig förderlich zu sein scheint, so weißman doch, daß selbst der gegenwärtige Herrscher Frankreichs dem deutschen GeisteAchtung zollt. Dieser Unterstützung, wie überhaupt aller Nachhülfe politischen Ein-flusses, ist der Deutsche freilich außerhalb Europas beraubt; hier hat er nur seineeigene Intelligenz, seinen Fleiß und seine Zähigkeit einzusetzen. Doch auch hierbreitet sich das deutsche Wesen immer mächtiger aus, in den Vereinigten Staatenwie in Mittelamerika, wo außer deutschen Kolonisten auch namentlich deutsche Berg-leute und Bergbaukundige gesucht sind, in Brasilien wie in Chile, wo, nament-lich in Valparaiso, nach der Versicherung von Reisenden, die Deutschen in ganzbesonderer Achtung stehen und selbst viele chilenische Damen deutsch lernen sollen,in Australien und sogar an verschiedenen Punkten Afrikas, im Caplande und Al-gerien. Auch die Thätigkeit wissenschaftlich' gebildeter deutscher Missionare, wiez. B. Eützlafsts in China, darf in dieser Hinsicht nicht gering angeschlagen wer-den; erblicken wir doch sogar durch Knoblecher's Bemühungen im fernen innern Afrika,in Chartum, einen vorgeschobenen Posten deutscher Cultur. Es ist anerkannte That-