366
Brafilien und Südamerika.
betrogen von der Lügenhaftigkeit, welche das ganze Leben der unterjochten Völkerdurchdringt, angesteckt von der grundsätzlichen Verderbniß der unheimlich heimlichenZustände, erscheint den Unterdrückten, erscheint den Nachbarn die Macht der Despo-ten viel fester begründet, als sie ist, als sie sein kann in Wirklichkeit. Rosas be-stätigt von neuem diese welthistorische Erfahrung. Man rüstete gegen ihn in einerWeise, wie niemals vorher gesehen wurde in Südamerika. Nahe an 30060 Mannaller Waffengattungen und mit allem Kriegsgeräthe versehen wurden gegen denDictator aufgeboten. Es bedurfte aber solcher gewaltiger Mittel nicht; bei demersten Anstoß stürzte das 20jährige Gebäude ein, selbst ohne die Möglichkeit einesWiederbaus zurückzulassen. Die englische Aristokratie und das Haus Orleans hät-ten leicht denselben Ausgang erzielen können; sie blieben aber aus Selbstsucht beihalben Maßregeln stehen. Der Tyrann sollte bleiben; der war ihnen ganz recht,nur möge er Handelsvortheile gewähren. Jetzt, wo es Ernst ward mit Rosas' Ver-treibung, verweigerten England und Frankreich jede Betheiligung. Die englische Flotteschützte die Interessen ihrer Landsleute zu Buenos-Ayres, die französische die derihrigen in Montevideo, woselbst sich auch mehre Compagnien französischer Marine-soldaten als Garnison befanden. *)
Im Beginne des Juli 1851 rückte Urquiza gegen den Fluß Uruguay heran,der Graf von Caxias, in Brasilien gemeinhin der große Graf (o grancko ooruis)genannt, kam mit 12000 Mann vom Norden des Nio Grande herab, wobei eineunglückliche deutsche Truppe der aufgelösten schleswig-holsteinischen Armee.**) DerGeneral Eugenio Garzon führte die Soldaten von Montevideo und General Virasorejene von Corrientes. Zu gleicher Zeit erschien eine brasilische Flottenabtheilung unterdem englischen, im Dienste der Regierung von Rio de Janeiro stehenden AdmiralGrenfell, welche den Parana beherrschte und Rosas hinderte, seinem Freunde Oribein Uruguay Hülse zu leisten. Bei dieser Übermacht säumte Oribe nicht, die darge-botene milde Kapitulation anzunehmen (September 1851), an deren Spitze dieWorte standen: „In der Republik Uruguay gibt es weder Sieger noch Besiegte."
Der erste Artikel des Vertrags vom 29. Mai, Befreiung Montevideos unddes ganzen Landes Uruguay, war erfüllt, und jetzt ging es an die Vertreibung desDictators von Buenos-Ayres. Die Provinz Entre-Nios war zur Vereinigung derverschiedenen Heersäulen der Brasilier, der Paraguaner, der Argentiner und Orien-talen bestimmt, welche nun auch während der Monate November und December(1851) eintrafen. Die große Befreiungsarmee des südlichen Amerika, wie dieTruppen der verschiedenen Staaten genannt wurden, setzten vom 22. Dec. bis zum8. Jan. 1852 über den Parana, und bereits am 12. Jan. hatte die mächtige Trup-penzahl die Grenzen der Provinz Buenos-Ayres überschritten. Die Widerstands-kraft des Rosas war gelähmt; er scheint sich vom Beginn des Kampfes für besiegtgehalten zu haben. Nach einem langen vicrwöchentlichen Marsche, auf welchem dieArmee nach der Sitte jener Länder häufig blos ein bis zwei Meilen des Tageszurücklegte, stieß Urquiza zwei bis drei Stunden vorwärts der Stadt Buenos-Ayresgegen das in der Eile zusammengeraffte Heer des Rosas, von ungefähr 20000Mann, aufgestellt in der Vortheilhaften, mit zahlreichem Geschütz besetzten Positionvon Moron aus der Anhöhe von Monte-Caeeros. Am 3. Febr. (1852) ließ Ur-quiza, seine eigenen Truppen, meistentheils aus Cavalerie bestehend, auf dem rechtenFlügel, die brasilische Division im Centrum, die montevideische auf dem linken Flü-gel, diese Position angreifen. Die deutschen Schützen waren als Tirailleurs vor-
*) Vgl. die Schrift: „Rückblick auf den Krieg gegen Rosas und die Schicksale der deutsche«Truppen im Dienste Brasiliens. Bon einem Augenzeugen" (Berlin 1854), insbesondere derAbschnitt: „ Südamerikanische Politik."
**) Vgl. das angeführte Werk des deutschen Sandsmannes S. 84, wo das beklagenswertheLoos der Deutschen ausführlich erzählt wird. Wir haben diese Quelle auch sonst häufig zu»rathe gezogen.