Brasilien und Südamerika. 365
den. Auch wäre dem Volke hiermit wenig gedient. Bei der Kränklichkeit des Prä-sidenten möchten die Landesinteressen leiden und selbst das ganze Staatswohl gefähr-det werden." Entre-Nios hatte die Entlassung des Rosas angenommen, und ihrfolgte bald die Provinz Cvrrientes mit dem Statthalter General Virasoro. EinigeWochen später (29. Mai 1851) wurde von Entre-Nios und Uruguay ein Offensiv-und Defensivbündniß mit Brasilien geschlossen, um der durch zehnjährigen Bürger-krieg verwüsteten Banda-oriental endlich wieder die Segnungen des Friedens zu ver-schaffen. Vor allem, hieß es, sollten General Oribe und seine argentinischen Hülfs-truppen gezwungen werden, den Boden der Republik zu verlassen. Was dann vor-zünehmen, würde sich zeigen. Wenn es auch nicht zu Rio de Janeiro verabredet,so mochte die brasilische Regierung doch von dem schlauen Verfahren Urquiza's schonfrüher unterrichtet gewesen sein. Die seit langer Zeit andauernde Spannung zwi-schen Rosas und Dom Pedro II- hatte nämlich vor kurzem einen offenen Bruch herbei-geführt. Der argentinische Gesandte war beim Anfange des Jahres 1851 in einerauffallenden beleidigenden Weise aus Rio de Janeiro abgerufen worden. Dem Ver-trage vom 29. Mai folgten bald fünf andere, geschlossen zwischen Paraguay undUruguay, welche einen großen Fortschritt bilden in dem internationalen Rechte dersüdamerikanischcn Staaten. Es sind diese am 12. und 13. Oct. 1851 zu Rio deJaneiro unterzeichneten Verträge in Wahrheit epochemachende Ereignisse für jeneGegenden der Erde, mehr als die vielen nutzlosen Schlachten und Revolutionen. DieGrenzen zwischen den portugiesischen und spanischen Besitzungen in Südamerika wa-ren niemals gezogen worden. Man bestimmte sie jetzt auf dem Grunde des Be-sitzes, was Uruguay zum Nachtheil gereichte. Brasilien verblieben viele ehemals zwi-schen den beiden Kronen streitigen Gemarkungen, sogar der See Merim und einnördlich gelegener Landstrich. Dies erregte bei der Bevölkerung Montevideos solcheine bittere Stimmung, daß die Regierung von Rio de Janeiro es für angemessenhielt, in einem spätern, durch die Argentinische Konföderation vermittelten und ga-rantirken neuen Vertrag (15. Mai 1852) mehre der in Anspruch genommenen Be-zirke aufzugeben. Hierauf ernannten Brasilien und Uruguay Kommissare, um dieDemarcationslinie zu bezeichnen und für ewige Zeiten festzusetzen. Überdies verbürg-ten sich die beiden Staaten gegenseitig ihre Unabhängigkeit. Brasilien verpflichtetsich, jede gemäß der Konstitution gewählte und handelnde Regierung zu unterstützen.Eine allgemeine Amnestie soll verkündet, die consiscirten Güter sollen zurückgegebenwerden. Die Vertragsmächte werden die argentinische Republik einladen, diesen Be-stimmungen beizutreten, gleichwie Paraguay, dessen Unabhängigkeit nicht gefährdetwerden dürfe. Die Handels- und Verkehrsverhältnisse wurden in sehr freisinnigerWeise geordnet. Die Unterthanen der beiden Staaten können nach Belieben in ei-nem oder dem andern Lande wohnen und jedes Geschäft betreiben. Sie dürfen we-der mit Zwangsanlehen belegt noch zum Militärdienste gezwungen werden. DieBeschiffung des Uruguay und seiner Nebenflüsse ist Brasilien gestattet. Man wirdsich überdies bemühen, die freie Schiffahrt auf dem Parana und Paraguay für alleUferstaaten zu erwirken. Beide Staaten verpflichten sich zur gegenseitigen Auslie-ferung flüchtiger Verbrecher, worunter auch die brasilischen Unterthanen gehörendenSklaven eingeschlossen sind. Die Finanzverhältnisse Uruguays waren derart zerrüttet,daß keine Regierung mehr bestehen konnte. Brasilien hatte schon früher — so warauch von Frankreich und England geschehen — Subsidien dargereicht. Jetzt ver-pflichtete sich die kaiserliche Regierung zu neuen Hülfsgeldern für außerordentlicheAusgaben, dann vom November 1851 und während der ganzen Dauer des Kriegszu einer monatlichen Beisteuer von 50000 Piastern.
Die Macht aller Despoten, wo die Bevölkerung nicht ganz zum Vieh herab-gewürdigt oder die gesetzlose Herrschaft nicht auf nationalen und religiösen Interessenund Vorurkheilen fußt, ist gar gebrechlicher Natur. Es bedarf blos eines ernstenAndranges, mag er von außen oder innen kommen, so stürzt die Despotie zusam-men. Geblendet von dem lügnerischen Glänze, worein die Gewaltigen sich hüllen,