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Zwöflter Band.
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Die Medicin.

chemischer Thatsachen zum Ausbau von Systemen, sondern das Streben nach ra-tioneller Erklärung der physiologischen und pathologischen Processe. H. Boerhaavezeichnet sich dadurch in hohem Grade aus, daß er der praktischen Medicin dieFortschritte der Anatomie und Physiologie zu sichern suchte, ohne darauf ein durch-gearbeitetes System gründen zu wollen. Während er in Bezug auf seine praktischenGesichtspunkte sich an den hippokratischcn Sydenham anschließt, sucht er das Theore-tisiren vom Handeln fernzuhalten, und wenn er auch theoretische Gründe für seineHandlungsweise hatte, so suchte er doch dieselben nicht in der Form eines Systemsu. s. w. an und auf die Spitze zu stellen. Ganz unabhängig voneinander stehenseine praktischen und chemischen Schriften. Erstere führen allgemeinere Titel; er schriebnicht und wollte nicht schreiben ein System, eine Theorie der Medicin; es warenInstitutionen und Aphorismen, wogegen seine „Elemente der Chemie", in denen erdie Lehre der Alchemisten mit großem Glück bekämpfte, eine mehr dogmatische Formhatten. Boerhaave suchte zur Erklärung der Krankheitserscheinungen alle sicher ge-wonnenen Thatsachen der Physik, Chemie, Anatomie und Physiologie zu benutzen.Die Bewegung ist das Grundphänomen des Lebens, die Faser Elementarbestandtheildes Körpers, Elementarformen des Erkrankens sind die schwache und laxe Faser, diestraffe und elastische: Ausdrücke, welche wir jetzt noch hören. Nimmt man dannnoch die ihm als Grundformen des Erkrankens der Flüssigkeiten geltende Säuerung,Zähigkeit und Alkalescenz der Säfte, so haben wir den terminologischen Grundstock,welcher sich trotz des Wechsels der Systeme bis in die neueste Zeit erhalten hat.

Auf seine Ansichten in Bezug auf einzelne Krankheitsformen sowie auf die spe-cielle von ihm gegebene Eintheilung der letzten einzugehen ist hier nicht der Ort.Die bei aller Wahrung des künstlerischen Standpunktes des heilenden Arztes hervor-stechende Naturgemäßheit seiner theoretischen Ansichten sichern Boerhaave eine der her-vorragendsten Stellungen in der Geschichte der Medicin. Durch seine Schüler tritter in noch nähere Beziehung zu unserm Vaterlande, indem van Swieten und deHaen Gründer der ältern wiener Schule, zugleich Reformatoren des östreichischenMedicinalwesens waren. In anderer Weise und wegen der abgeschlossenen Formder entwickelten Theorie imponirender auf die Richtung seiner Zeitgenossen trittF. Hoffmann auf. Auch er hält freilich wie Boerhaave chemische Theorien von seinenpraktischen Ansichten fern. Da er aber besondern Werth darauf legte, ein abgerun-detes rationelles System aufzustellen, bedurfte er Grundlagen, auf denen er bauenkonnte, und namentlich eine einigermaßen brauchbare Theorie des Lebens überhaupt,aus welcher er dann die Krankheit und die Krankheiten ableiten konnte. Boerhaaveverlegte die Ursache der organischen Bewegung direck in Zustände der „Faser". Hoff-mann mußte weitergehen; er suchte nach dem Grunde der Bewegung. Währenddie Theile des Körpers im Zustande der Ruhe doch in einer mechanischen Spannungsich befinden, die er als Tonus bezeichnet, werden sie durch den im Blute und inden Nerven enthaltenen „Äther" nach Gesetzen, welche nach der dem Äther selbstinnewohnenden zweckmäßigen Selbstbestimmbarkeit gegeben sind, in organische Be-wegung gesetzt. Die krankhaften Abweichungen hängen von Zuständen des Äthers,dieses dynamischen Nervenprincips, ab, auf welche er auch die Krankheiten der Säftebezieht. Ganz entsprechend dieser mechanisch-dynamischen Grundlage ist seine ganzePathologie eine reine, fast exclusive Solidarpathologie; Fieber ist ihm ein Krampfdes Herzens und der Gefäße, Entzündung eine durch Krampf der Gefäße bewirkteStockung. Bei G. E. Stahl tritt das mechanische Princip mehr in den Hinter-grund. Er läßt zwar auch die Lebensvorgänge durch Störungen des Tonus entstehenund nähert sich überhaupt im Einzelnen den Ansichten der Jatrophysiker, wie Hoff»inann; doch ist bei ihm Alles an die directe Einwirkung der lebendigen, besondersdurch den Kreislauf auf den Körper wirkenden Seele geknüpft. Die Seele erhältden Tonus, steigert ihn sogar zu Naturheilzwecken im Fieber, hat aber auch ver-kehrte Ideen, und dann tres:n Krankheiten auf; ebenso infolge abnormer Beschaffen-heit der Organe. Man hat jedoch Stahl vielfach misverstanden, wenn man annahm,