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Die Medicin. «
daß nach ihm die vorstellende Seele auch mit Bewußtsein und Absicht die Organi-sation betreibe. Stahi's Seele ist die nach vernünftigem Gesetz sich äußernde Kraftder Organisation selbst. Er ging nur darin zu weit, daß er mit dieser die mitSelbstbewußtsein verbundenen Seelenäußerungen in gleichen Rang stellte. Hieraufhat schon I. Müller aufmerksam gemacht. Diese psychisch-vitalistische Theorie stürztenun zwar die bisher ungestört herrschenden Lebensgeister von ihrem Throne, „hatteaber gerade ihrer Consequenz wegen wenig Erfolg, da sie schärfer als der ÄtherHoffmann's hervortreten ließ, daß weder das Leben noch die Krankheit durch Spe-culation, die sich weniger mechanischer Principien noch als Hülfe bediente, erklärtwerden konnte. Dem Dränge der Zeit nach wissenschaftlicher Abrundung war durchHvffmann und Stahl hinreichend Rechnung getragen. Es fehlte aber Beiden, dieHauptsätze ihrer Lehren als wirklich rationelle Grundlagen nachweisen zu können.Dies wurde erst möglich durch einen nähern Aufschluß über die Natur der organi-schen Bewegung, und diesen lieferte Haller mit der Entdeckung der Irritabilität.
Schon lange war die Bewegung als das Grundphänomen des Lebens be-trachtet worden, schon vielfach hatte man sich bemüht, deren Ursachen zu erforschen;auch war man schon einige male nahe daran gewesen, neben verschiedenen andernZuständen der Faser, d.h. der Muskeln, dieser noch eine besondere Bcwegungsfähig-keit zuzuschreiben, und es hatten Borelli, der um die Mechanik der Muskeln Hochver-diente, und vorzüglich Baglivi auf die Unabhängigkeit dieser Fähigkeit vom Nerven-einfluß hingewiesen. Doch fehlte der experimentelle Nachweis, und diesen gab Haller.Er wies nach, daß alle Reize, auf die Muskeln wirkend, ihre Zusammenziehungskraftdirect anregen, ohne durch die Nerven zu ihnen zu gelangen, und daß die Reizungvon den Nerven aus nur eine Art unter vielen andern sei. Sind auch die Grund-lagen für Haller's Versuche nicht exact genug, um den Anfoderungen der heutigenKritik Stand halten zu können, so bleiben doch seine Versuche und deren Resul-tate deshalb von größter'Bedeutung, weil er dabei gleichzeitig fand, daß die Sen-sibilität nur durch das Nervensystem vermittelt werde. Wie hieru,-. der Keim zurneuern'Nervenphysiologie liegt, so war'doch die Spaltung der Grundphänomeue de§Lebens in zwei Gruppen von erschütternder Wirkung auf alle damaligen physiolo-gischen und pathologischen Systeme. In Bezug auf die letztem glaubte man allenHalt, allen Grund und Boden verloren oder nun erst gewonnen zu haben, wie dieSysteme von Gaub und Unzer es erkennen lassen. Dgs Feld der Experimentalphy-siologie war aber noch so neu und »»abgesteckt in seinen Umrissen, daß man, »er-weitern Entdeckungen fast zurückschreckend, sich lange Zeit nur bemühte, die von Hal-ler gestörte Einheit im Lebensproceß wieder herzustellen. Dies geschah von Cullcn,der, die Irritabilität gegen Haller's ausdrückliche Aussprache in die Nerven verlegend,ein halb solidarpathologisches, halb vitales System aufstellte, in welchem das „Ner-venprincip" gleichzeitig die Stelle des Hoffmann'schen Äthers, der Skahl'schen Seeleund der Haller'schen Irritabilität und Sensibilität einzunehmen suchte; am schroff-sten aber von Brown, welcher anstatt eines lebendigen Begriffs von Leben und Ge-sundheit eine abstracte Eigenschaft aller lebenden Körper, die Erregbarkeit, d. h. dieFähigkeit durch äußere Reize erregt zu werden, zur Basis seines, einen gewaltigenSturm hervorrufenden Systems machte. Es tritt hier die Frage nahe, ob eine Lehre,welche scheinbar nur auf einer abstrakten Speculation ruht, wirklich eine enthusia-stische Äufnahme bei Ärzten finden kann, die doch mehr, als dies bei bloßenTheoretikern der Fall ist, auf die nüchterne Beobachtung des sich ihnen am Kran-kenbette Bietenden angewiesen sind. Und doch läßt sich auch hier wieder nachweisen,daß die Bewegung, welche der Brownianismus verursachte, mit geschichtlicher Noth-wendigkeit eintrat, die vielleicht weniger sicher im Auftreten Brown's selbst als inder Aufnahme entgegentritt, welche sein System in Deutschland und Italien fand.Zunächst ist es nothwendig, daran zu erinnern, daß Stahl und Hoffmann am An-fange des 18, Jahrhunderts blühten; Brown trat im letzten Drittel desselben auf-Konnte der Äther Hoffmann's, die Seele Stahl's wirklich die nach einer durchgw-