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Zwöflter Band.
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452 Die Medicin.

es die Erfahrung sei, welche dem Arzt die sichern Heilmethoden an die Hand gebe,und daß daher der durch Jahrtausende schriftlich oder traditionell überlieferte Schatzvon Einzelbeobachtungen auch die Norm für jeden gerade vorliegenden Fall enthalte.Hierbei ist jedoch zugleich einleuchtend, daß ein Heilen nach dieser Voraussetzung nureine Kunst, keine Wissenschaft ist, daß daher, wenn die Medicin Ansprüche an einewissenschaftliche Begründung machen will, auAr der Erfahrung, welche natürlichnicht entbehrt werden kann, noch andere Gründe herbeigezogen werden müssen. Dasbisjetzt Mitgetheilte enthält die Hauptzüge Dessen, was die Basis der wissenschaftlichenMedicin ausmacht; aus denselben wird auch nun mit Leichtigkeit Das zu folgern sein,was das Heilen aus dieselbe Basis führt. Das Erste, was hierbei in Frage kommt,ist das Verhältniß des Organismus zur Krankheit. Die Möglichkeit einer Genesungohne ärztliche Hülse sowie die Heilung häufig begleitende Symptome haben schonsehr früh zu der Annahme einer im Körper liegenden Kraft, die Krankheit selbstän-dig zu überwinden, geführt. Diese Naturheilkraft erscheint daher in den meistenmedicinischen Systemen alter und neuer Zeit unter den verschiedensten Formen. Baldtritt sie aus als ein mehr ideell genommenes Bestreben des Körpers, die Krankheitdurch ausgleichende Thätigkeiten zu entkräften, bald wird sie als mit der Krankheitim Kampfe stehend dargestellt, meist als ein mehr oder weniger bewußtes activesReagiren des Körpers gegen den fremden Reiz. Wie jedoch schon bei Hivpokrates,dem hypothetische Ansichten ferner lagen, die Heilkraft der Natur nur den Übergangvermittelte aus dem krankhaften in den gesunden Zustand, welcher nach dem Gesetzeder causalen Entwickelung der Erscheinungen eintritt, so hat sich auch neuerdingswieder, wo man von den Speculationen über Lebenskraft mehr und mehr zurückkam,die Ansicht über das Heilbestreben des Körpers allmälig geläutert. Man beobachtetezu häufig, daß der krankmachende Reiz gleichzeitig eine aus die Entfernung oder Un-schädlichmachung dieses selben Reizes gerichtete Thätigkeit hervorrief; der Krankheits-proceß war zu derselben Zeit Heilungsproceß. Als man endlich fand und sich immerweiter bestätigte, daß der Verlauf der Krankheit genau nach denselben physiologischenGesetzen vonstatten gehe wie der Ablauf des gesunden Lebens,. konnte von der frü-hern vis msiliosti-ix kaum etwas Anderes übrigbleiben als der Name: thatsächlichwar sie auf das Verhältniß der Stärke des Krankheitsreizes zu der der physiologi-schen'Möglichkeiten reducirt. War dies Verhältniß den letztem günstig, dann siegtedie Heilkraft der Natur und der Reiz wurde entfernt; war dieser stärker, dann er-folgte früher oder später der Tod, wenn nicht durch ärztliche Eingriffe entweder demReize direct entgegengewirkt, oder den Bewegungen des Lebens unter die Arme ge-griffen wurde. Die poetische Anschauung Stahl's, daß die Seele auch unvollkommensei und, wenn sie zu stürmisch oder zu schwach reagire, dies aus Unkenntniß deSZustandes oder aus Trägheit, Furcht, Verzweiflung u. dergl. thue, ist dann durcheine sehr nüchterne ersetzt worden. Den Einfluß dieser Änderung auf die Therapiewerden wir sogleich kenüen lernen, wobei jedoch zu bemerken, daß es nicht alleindas Verschwinden einer bewußten Naturheilkraft ist, welches der heutigen Heilmethodeein eigenthümliches Gepräge mittheilt, sondern die naturgemäße Ansicht von derKrankheit überhaupt, von welcher ja auch jene abhängt.

Ein anderer wichtiger Umstand ist der Stand der Erkenntniß der einzelnenKrankheitssormen. Wie konnte man an die Heilung einer bestimmten Krankheit den-ken, solange man sie nicht selbst kannte, sondern nur ihre Symptome? Es war na-türlich, daß, solange die Pathologie noch symptomatisch war, die Therapie nicht an-ders sein konnte. Man war allmälig zu der Einsicht gekommen, daß in den ein-zelnen, die Krankheitsbilder darstellenden Symptomengruppen gewisse die wichtigernwaren, mit deren Verschwinden die Krankheit, wenn nicht gehoben, doch in ihrerHeftigkeit gebrochen sein mußte und die andern Symptome von selbst zurücktraten.Auf diese durch die Erfahrung bestimmten Symptome wurde zunächst der Haupt-angriff von Seiten der Behandlung gerichtet, und nur in jenen Fällen eine Ausnahmegemacht, wo gewisse andere Erscheinungen am Kranken auftraten, die für ihn von