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Zwöflter Band.
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Die Medicin. 453

größter Gefahr, sogenannte dringende Symptome waren. Da man auch nur durchErfahrung den Einfluß der letztem aus den Gang der Krankheit erkennen konnte,so war das Aneignen einer größtmöglichen Erfahrung Hauptbedingung für ein glück-liches ärztliches Handeln. Man kannte ja auch den Erfolg gewisser Mittel nurdurch die Erfahrung, welche selbst später, als man anfing Theorien der Krankheitzu bilden, weniger dazu dienen konnte, von jenen bestätigt zu werden, als vielmehrumgekehrt, sie zu bestätigen. Das scheinbar Übereinstimmende wurde für gleich ge-halten und aus diesem im Grunde doch Verschiedenen ein allgemeiner Satz erschlos-sen, welcher natürlich nicht stichhaltig sein konnte. Man war daher gezwungen, sichgegen mehre Möglichkeiten durch Ergreifen eines zusammengesetzten Heilplanes zuschützen, trotz welchem häufig das Gesürchtete und, wie man glaubte, in der Berech-nung Mitbegriffene eintrat. Anders ist es erst geworden, seitdem die Naturbeobach-tung überhaupt eine exacterc geworden ist, und besonders von der Zeit an, in welcherman zuerst auf den wahren Sitz und das eigentliche Wesen der Krankheiten infolgepathologisch-anatomischer Untersuchungen geführt wurde. Nun erst war man imStande, entweder die Krankheit direct mit gewissen Mitteln anzugreifen oder wenig-stens den Erfolg der Mittel einigermaßen sicher zu bestimmen; freilich wurde manauch darüber klar, daß man manche Krankheiten vorläufig noch nicht anders alsdurch ihre wichtigsten Symptome bekämpfen könnte. Doch war dies gewiß nur einVortheil, da hierdurch der Verlaus der letztem weniger gestört wurde, die physiolo-gischen Vorgänge die Möglichkeit behielten, in das Gleis der Gesundheit zurückzukeh-ren, was sonst häufig durch heroische Mittel ein vollständiges Hinderniß fand. Jedochblieb auch für diese Krankheiten ein therapeutischer Haltpunkt in der Erfahrung, welcheman nur, dem Streben nach wissenschaftlicher Sicherheit entsprechend, anders auszu-beuten suchte. Man traute den Erfahrungen an einzelnen Individuen die maßge-bende Exactheit nicht zu, fürchtete, daß die jedem Individuum anhängenden Eigen-thümlichkeiten der Neceptivität, der Reactionsf'ähigkeit, der Verschiedenheiten in derSchnelligkeit des Umsatzes, ferner der sich aus dem Alter, Geschlecht auf eine dochnicht genau zu controlirende Weise ergebenden Schwankungen die Beurtheilung ei-nes Heilverfahrens trübe. Um diese Übelstände zu eliminiren, versuchte man auchhier eine statistische Methode einzuführen; man hoffte, daß durch Berechnung dermittlern Wirkung jene Nebenumstände aus der Beurtheilung schwinden, das eigent-liche Resultat ungetrübt hervortreten würde. Um jedoch für eine solche Betrachtungvergleichbare Resultate zu gewinnen, mußten die ältern Erfahrungen sorgfältig gelichtet,häufig verworfen, zuweilen durch neue, die doch nur verhältnismäßig langsam zu,, be-schaffen waren, ersetzt werden. Es liegt wol hierin etwas, was den heutigen Ärz-ten zum Vorwurf gereichen könnte, was ihnen auch oft vorgeworfen wird, zum Theilmit Recht, zum Theil mit Unrecht: das Mißachten älterer Erfahrung, das Vernach-lässigen Dessen, was man vor 50, 100 Jahren gedacht, gethan hat. Besonderswaren es die östreichischen pathologischen Anatomen aus der wiener und PrägerSchule, welche beim ersten Erblühen ihrer Thätigkeit wol fühlten, daß die Medicinnach Gewinnung eines soliden Grund und Bodens neu zu schaffen sei, und daherum Literatur und Geschichte wenig oder gar nicht sich kümmerten. In einer Zeit,wo die Ansprüche an positive Kenntnisse dringender als je wurden, wo die wissen-schaftliche Skepsis an Allem zu rütteln begann, was man nicht beweisen konnte,war es wol erklärlich, daß nur Das für wahr gehalten und dann durch Wortund Schrift gelehrt wurde, was man selbst gesehen, selbst bezeugen konnte. Andie Stelle der wissenschaftlichen Autorität trat die Autorität der eigenen Sinne.Je mehr aber diese geübt, je sorgfältiger die Beobachtungen angestellt wurden, destohäufiger wurden ältere Erfahrungen bestätigt, desto mehr wurde die Geschichte, inihr Recht eingesetzt, desto mehr verschwindet auch jetzt schon bei jenen genannten Ärz-ten die Nichtachtung des vor ihnen Dagewesenen. Vorzüglich ist es, wie wir glau-ben, ein Umstand, welcher diese Wiederanerkennung älterer Erfahrungen begünstigt:die neuerdings gesteigerte Aufmerksamkeit, welche man dem allgemeinen epidemischen