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Zwöflter Band.
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Die Medicin.

Bei Beurtheilung krankhafter Seclcnzustande ist natürlich die Kenntniß des gesundenVorganges im Leben der Seele von entscheidendem Einfluß. War aber schon diekörperliche Gesundheit ein äußerst relativer, von ursprünglicher Bildung, Constitutionund Lebensart mannichfaltigst abhängender Zustand, so ist die psychische Gesundheitnoch auf viel weitere Grenzen ausgedehnt. Für die Gesundheit des Körpers konntenwir das Ideal der Gesammtform, das Erreichen der Norm für die Gestalt und Har-monie der Functionen des Organismus als Maßstab benutzen; für die Gesundheitder Seele fehlt uns, wie Lotze sagt, ein auch nur annähernd gegebener Typus derEndgestalt, zu welcher die einzelnen psychischen Kräfte nothwendig normal kommenmüßten. Wir haben hier einmal das ideale Bild des Gesammtzustandes, den dieSeele erreichen soll, auf der andern Seite die Fähigkeit der einzelnen ihr gegebenenMittel, unter Mitwirkung günstiger Lebensbedingungen zur Erreichung jenes Zieleszu dienen, nach dem wir die Gesundheit der Seele messen. Für Beurtheilungkrankhafter Zustände kommt hierbei die sittliche Entwickelung häufig viel zu wenigin Betracht; Stimmungen und Neigungen, welche Erziehung, sociale Verhältnissenährten und häufig außer Verhältniß wachsen ließen, werden als mehr oder wenigererträgliche Charaktereigenthümlichkeiten ruhig hingenommen und nur dann als wirk-liche Seelenstörungen betrachtet, wenn sie nicht blos gegen Sitte, sondern gegen dasGesetz verstoßen, wenn sie nicht blos in irrigen Ansichten über den Thatbestandgleichgültiger, dem Jdeenkreis an und für sich ferner liegender Verhältnisse beste-hen, sondern wenn mit ihnen das Vorkommen einfachster Thatsachen, falsche Deu-tung von Dingen verbunden ist, welche dem unbefangenen Augenschein offenstehenund zu deren Erkenntniß keine Verwickelung des Raisonnements gehört. Wenndaher auch systematische Darstellungen die Verstörungen des Gemüths mit unter dieZahl der Seelenstörungen aufnehmen, so herrscht doch im Allgemeinen das Bild desVerstandeswahnsinns vor. Unsere Zeit bemüht sich, den Versuchungen materialisti-scher Deutungen vielleicht nicht genug widerstehend, die Elementarformen der See-lenstörungen nach den beiden genannten Richtungen schärfer zu bestimmen und densich immer nothwendiger herausstellenden Zusammenhang zwischen ihnen einerseits,andererseits pädagogischer Angewöhnung und körperlicher Disposition für die theo-retische wie praktische Vervollkommnung der Psychiatrie fruchtbringend auszubeuten.

Stellung der Chirurgie und Geburtehulfe.

In einer Zeit wie die unserige, wo jeder besonders jüngere Arzt nicht blos ineiner kleinen auf einen einzigen gebildeten Arzt beschränkten, sondern auch in einergröhern Stadt die gesammte Heilkunde in ihrem ganzen Umfange ausübt, gedenkt mannur selten der noch nicht gar weit hinter uns liegenden Vergangenheit, wo es dieArzte unter ihrer Würde hielten, sich mit chirurgischen Hülfeleistungen abzugeben.Wenn auch ein vielbeschäftigter sogenannter innerer Arzt heutzutage kleinere odergrößere Operationen von besonders dazu berufenen Wundärzten ausführen läßt, soliegt dem mehr ein Mangel an Zeit und vielleicht die unserm ganzen socialen Lebeneigene Richtung nach Arbeitstheilung zugrunde. Die meisten Ärzte sind „sogar,und es ist dies durch die Universitätseinrichtungen wenigstens außerhalb Östreichso bestimmt, Doctoren der Medicin und Chirurgie. Es liegt nicht im Plan dieserkurzen Schilderung, die Entwickelung der Chirurgie in vergangenen Jahrhundertenanzuführen. Die eben berührte Trennung der Ärzte in innere und äußere fodertuns aber dazu auf, die gegenseitige Stellung der beiden wissenschaftlichen Zweigesowol als deren Vertreter kurz zu berühren. Am traurigsten hatte sich im Mittel-alter das Verhältniß der Chirurgen gestaltet, d. h. der Classe von Leuten, welchesich mit praktischer Ausübung der Wundarzneikunst beschäftigten. Die Ausübungder wichtigsten Operationen, wie Steinschnitt und Bruchoperationen, galt für ent-ehrend. Mönchische Ärzte durften nicht oder nur nach erlangtem Dispens von derKirche operiren. Die auf Universitäten gebildeten Ärzte übten wol die HeilkundeDie Gegenwart. Xll. 30