626 Die Photographie.
rufen oder Licht zu dispergiren verloren haben, epipolisirt. Das in der Chininlösungerzeugte blaue dispergirte Licht, wie wir es nennen wollen, zeigte sich beim Hindurch-gang durch ein Prisma nicht homogen, sondern aus Strahlen von sehr verschiedenerBrechbarkeit zusammengesetzt, doch fehlten darin die Strahlen vom weniger brechba-ren Ende des Spectrums; es vermochte übrigens keine neue Dispersion hervorzuru-fen. Wenn man das Sonnenlicht nach Brewster's Vorgänge durch eine Linse con-centrirt, und das auf solche Weise verstärkte Licht in eine Chininlösung leitet, so gibtdieselbe nicht blos dicht an der Oberfläche, sondern auch noch in einiger Tiefe dis-pergirtes Licht aus, das mit blauer Farbe leuchtet.
Diese Thatsachen wurden die Ausgangspunkte einer schönen und umfassendenUntersuchung von Stockes. Derselbe begnügte sich nicht blos die genannten Er-scheinungen nach allen Seiten hin zu verfolgen, sondern suchte dieselben auch zu er-klären. Da der Durchgang des Sonnenlichts durch eine dünne Schicht einer Chi-ninlösung hinreichte, um diesem Lichte die Strahlen zu rauben, welche die epipolischeDispersion hervorbringen oder dispergirtes Licht erzeugen, während die dispergirte»Strahlen selbst eine Schicht von mehren Zoll Dicke derselben Flüssigkeit durchdrin-gen, so war damit unzweifelhaft bewiesen, daß die Strahlen, welche die Dispersionerzeugen, von einer-andern Natur sind als die von der Flüssigkeit dispergirte». Da-her trat Stockes sogleich die Frage entgegen, wodurch sich denn diese beiden verschie-denen Arten Strahlen voneinander unterscheiden.
Da die Undulationstheorie bei allen bisher bekannten optischen Erscheinungensich als ausreichend erwiesen hatte, so war zu hoffen, daß sie auch in vorliegendemFalle eine Erklärung der betreffenden Phänomene und weitem Ausschluß über dieangegebene Veränderung des Lichts liefern werde.
Nach der Undulationstheorie besteht, wie wirgesehen haben, das Licht ausSchwingungen; in diesen können aber nur insofern Änderungen eintreten, als ent-weder die Gestalt und Lage der Bahn, welche jedes Theilchen beschreibt, oder dieZeit, welche zum Durchlaufen dieser Bahnen nöthig ist, abgeändert wird. Die Ver-änderung in der Gestalt und Lage der Bahn würde, wenn sie einträte, sich durchbesondere Polarisationserscheinungen aussprechen, von denen jedoch Stockes nichtsaufzufinden vermochte. Es blieb also nur übrig, jene Veränderung des Lichts ineiner Veränderung seiner Schwingungsdauer, oder was, wie wir wissen, davon ab-hängt, seiner Brechbarkeit (oder seiner Farbe) zu suchen; eine Annahme, zu welcherStockes sich um so schwerer entschloß, als seit Newton's Zeiten es gewissermaßenals Axiom betrachtet worden war, daß das Licht bei allen Modifikationen, denen esunterworfen wird, unverändert seine Brechbarkeit' behalte. „Dessenungeachtet", sagtStockes, „schien es mir weniger unwahrscheinlich, daß die Brechbarkeit sich verän-dert habe, als daß die Undulationstheorie sich als falsch erwiese. Und als ich erwog,Wie ungemein einfach die ganze Erklärung wird, wenn man diese einzige Voraus-setzung macht, so konnte ich nicht umhin mich stark der Hoffnung hinzugeben, daßsie sich als wahr erweisen würde. Zu der That brauchen wir nur anzunehmen, daßdie unsichtbaren Strahlen jenseit des äußersten Violett durch eine innere Dispersionandere strahlen veranlassen, die zwischen die Brechbarkeitsgrenzen fallen, innerhalbwelcher die Netzhaut des menschlichen Äuges afsicirt wird — und die Erklärung istda. Die Schmalheit der von Herschel beobachteten blauen Zone würde blos anzei-gen, daß die Flüssigkeit, ungeachtet ihrer großen Transparenz für sichtbare Strahlen,dennoch fast ganz undurchsichtig wäre für die unsichtbaren. Dem Stetigkeitsgesetzzufolge würde der Übergang von fast vollkommener Durchsichtigkeit bis zu einem ho-hen Grade von Undurchdringlichkeit nicht plötzlich eintreten; so könnten also Strahlenvon mittlerer Brechbarkeit etwas tiefer in die Flüssigkeit eindringen, wie Brewsterdies beobachtete, und ebenso wird auch, was die Erfahrung bestätigt, die Erregung desblauen Lichts bei verdünnten Chininlösungen sich weiter in die Flüssigkeit Hineinerstreckenals bei concentrirten. Dies würde auch erklären, warum bei dem Lichte einer Kerzedie blaue Zone in der Chininlösung nicht sichtbar ist, während' sie selbst bei schwa-