674 Die bildenden Künste. .
verzeichnet und wol auch bewundert werden. Was wir leisten erscheint nicht blosals ein Fortschritt, gegen die Thaten unserer Vater und Großvater gehalten; esoffenbart sich darin ein wirklicher Umschwung, eine durchgreifende Erneuerung derkünstlerischen Formen- und Ideenwelt. Die historische Malerei ist ein Sprößlingunserer Bildung. Erst wir verstehen es, das Walten des Weltgeistes oder der Vor-sehung in der Geschichte der Menschheit in feste Formen zu bannen und auch mitder Farbe zu schildern; erst uns ist der Sinn für die Darstellung der großen Heldenund der mächtigen Volksbewegungen aufgegangen. Den Äußerungen des Erdgeisteszu lauschen, die mannichfache Schönheit der landschaftlichen,Natur aller Breitegrademit ergreifender Wahrheit wiederzugeben, Sittenschilderungen, die uns das eigenthüm-liche Leben der verschiedenen Stämme und Nationen im treuen Bilde widerspiegeln,zu entwerfen, ist gleichfalls der ausschließliche Vorzug der modernen Kunst. In derPlastik haben wir uns wenigstens dem alleingültigen Muster der Antike merklich ge-nähert; wir haben auf die Originalität verzichtet, aber eine größere Schönheit undtiefere Wahrheit als Ersatz dafür gewonnen. Hinsichtlich der Baukunst endlichdürfen wir hoffen, daß schon der nächste Tag mit dem ersehnten neuen Baustile unsbeschenken werde. Die kühnen Hoffnungen, welche man auf die Zukunft baut, zubestätigen oder zu widerlegen, kann natürlich nicht unsere Sache sein. Möge sie dievon ihr gehegten Erwartungen im reichsten Maße erfüllen. Berücksichtigt man jedoch,was bis auf den heutigen Tag fertig und vollendet vor uns liegt, dann ist einekühlere Ansicht von der Bedeutung der modernen Kunst wol zu „empfehlen und einemindere Überhebung über die vergangenen Zeiten nicht vom Übel. Daß unsereKünstler Besseres leisten als ihre Vorgänger im 18. und theilweise auch im 17.Jahrhundert, daß unser Formensinn eine heilsame Reinigung erfahren hat und dieStellung der bildenden Künste von Tag zu Tag sich hebt und bessert, wird undkann kein Unbefangener bezweifeln. Zu der Behauptung aber, in unsere Zeit falleeine neue Epoche der Kunst, bis auf unsere Tage herab und dann wieder von diesenangefangen werde man die Kunstgeschichte gliedern, liegt kein ausreichender Grundvor. Sind wir denn in unsern öffentlichen Zuständen, in unsern Culturverhältniffenauf einem neuen.Pfade begriffen? Die Aufklärung des vorigen Jahrhunderts istauch noch gegenwärtig die Fahne des Einen, das Gespenst des Andern. „Die Ei-nen", sagt der neueste Geschichtschreiber der Aufklärung, der treffliche Hetkner,„suchen die leitenden Gedanken der Kämpfe des vorigen Jahrhunderts selbständigfortzubilden, das Zeitalter der Aufklärung zu einem Zeitalter der allgemeinen Bil-dung zu machen; die Andern hegen lebhafter als jemals die Lust, die Berechtigungdieser Kämpfe von Grund aus in Frage zu stellen und die strömende Geschichte umJahrhunderte zurückzutreiben." Die Naturwissenschaften haben den Kreis noch nichtverlassen, welchen ihnen die großen Entdeckungen des 16. und 17; Jahrhundertsvorgezeichnet; die Materialisten unserer Tage treiben sich in längst ausgefahrenenGeleisen herum; die modernen Philosophen stellen sich noch immer auf die Schulternder Spinoza und Leibniz, ohne sie übrigens merklich zu überragen. Unsere ganzeBildung, mit einem Worte, ist die einfache Schlußfolgerung aus den Prämissen,welche die beiden letzten Jahrhunderte gesetzt. Das dürfte und könnte sie aber nichtsein, wenn die ihr entkeimende Kunst eine neue und selbständige Erscheinung darböte.Der Charakter der Kunst eines Zeitalters steht in dem innigsten Zusammenhangemit der ihr zugrunde liegenden allgemeinen Cultur und kann nicht andere Merkmaleausweisen, als die letztere besitzt. Wenn die Kunst der letzten Jahrzehnde bereitsEpochemachendes schuf, wozu brauchten die Künstler in den bekannten Tagen, woman von einem neuen Vaterlande und einem neuen Volksthume träumte, zusammen-zukommen und zu erklären, daß es auch einer neuen Kunst bedürfe, und man ebendaran gehe , die Formen ihrer Bethätigung zu„schaffen, ihre Stellung im Leben fest-zusetzen; wozu bedarf es in der Vischer'schen Ästhetik, und in diesem einen Punktwenigstens wird ihm von den meisten Fachgenoffen nachgesprochen, am Schlüsse einesjeden Abschnittes der trostreichen Versicherung: Werde einmal das Reich des Hu-