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Zwöflter Band.
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Die bildenden Künste.

gesehen davon, daß wir in vielen Fällen unmittelbar auf das 17. Jahrhundertzurückgehen, und nicht allein durch Restaurationsbäuteu, sondern auch durch Neu-bauten beweisen, daß die Kunstrichtung jener Zeit für uns keineswegs etwas Fremdesund Unverständliches geworden ist. Auch wenn wir höher „greifen und die reineKunstthätigkeit unserer Tage betrachten, gelangen wir'zu der Überzeugung: was unsvon der Kunstthatigkeit der beiden letzten Jahrhunderte trennt, tritt zurück gegen dieSumme der Verbindungsfäden, die uns mit ihnen vereinigen. Man könnte sogardie Frage auswerfen, ob wir denn jene Kunstthatigkeit überhaupt schon erreichthätten! Wir bespötteln die Rococotracht, und müssen nachgerade eingestehen, daßunsere Kleidung noch ungleich häßlicher und formloser sich gestaltet, daß das Zeit-alter des Puders und Reifrocks dem Auge des Künstlers zahlreichere Anregungenbot als unsere ebenso unschöne als armselige Erscheinungsweise. Waltet nicht viel-leicht ein ähnliches Verhältniß in andern Dingen? Ingres, den Stolz aller reinempfindenden Franzosen, mit Nicolas Poussin zu vergleichen, liegt ganz nahe, die Zu-versicht, mit welcher unsere Nachbarn von den Siegen ihrer modernen Plastik erzählen,weckt die Erinnerung an Germain Pilou, Jean Goujou und Pierre Pujet. Aufwelcher Seite liegt die größere Fülle von Vorzügen? Wir fürchten, die Antwortwird hier nicht anders ausfallen, als wenn man den alten Watteau mit dem mo-dernen Winterhalter zusammenstellt, der, wenn man die großen Dimensionen seinerBilder abzieht, vollkommen den Formensinn und die Gcfühlswcise des Erstem theilt,nur in der Manierirtheit und den Prätensionen ihn überragt. Auch die Sorte derSchalken und Werff ist nicht ausgestorben, und wenn man vollends zopfige Staats-actionen lebendig schauen will, dann braucht man nur auf unsere sogenannten streng-historischen Bilder einen Blick zu werfen. Die größere Anzahl bemüht sich Das,was die Poesie von sich gewiesen hat, der Malerei einzuverleiben.

Im 17. Jahrhundert wird ein neuer Begriff, jener der Kunstbildung geboren.Die gültige Weltanschauung hat zwar nicht ihre materiellen Bestandtheile verändert —die Welt nennt sich ja noch immer die christliche —, wol aber ihren ursprünglichenCharakter verloren. An die Stelle des naiven, unmittelbar zwingenden Zuges inderselben tritt ein reflectirtes Verhältniß. Jedes reicher organisirte Individuum bildetsich seinen Jdeenkrcis aus, oft im Zusammenhange, oft aber auch im Gegensatze zudem allgemeinen Volksbewußtsein, dessen Herrschaft sich auf die nicht aufgeklärten,untern Stände beschränkt. Auch der einzelne Künstler waltet frei über den über-lieferten Stoffkreis. Erst durch den persönlichen Geist hindurchgezogen, gewinnt die-ser Leben und Gestalt; das poetische Vermögen und Können erringt, da kein festerRückhalt durch einen traditionellen Jdeenkreis geboten wird, eine gesteigerte Bedeu-tung; zur Schulung der Hand gesellt sich als bestimmendes Merkmal der künstlerischenReife die Bildung des Verstandes. Das gleiche selbständige Verhalten herrscht hin-sichtlich der Formenwahl. Der Zusammenhang, welchen in frühern Zeitaltern räum-lich nahestehende Künstlerkreise in dieser Hinsicht offenbaren, erscheint vielfach ge-lockert. Der Einzelne sucht sich nach eigenem Gewissen und Bedünken die ihmzusagenden Formen und Darstellungsweisen heraus. Und nicht ohne Berechtigung!Das Höchste, was die Kunst erreichen kann, sah man in den frühern Jahrhundertenverwirklicht, die großen Meister, die, ewig gültigen Muster, fand man in der Ver-gangenheit. Aber diese Vollendung tritt nicht in einer einzigen ausschließlichen Ge-stalt auf: sie liefert den strebenden Nachkommen verschiedene Musterbilder und weisteinander nebengeordnete gleichgültige Richtungen auf. Der Einzelne muß entschei-den, welcher-Richtung er den Vorrang einräumt, oder kann versuchen, durch geschickteCombinationen die Gegensätze zu versöhnen. Dieses Einengen des Formensinns einer-seits, durch den Glauben an ein bereits abgeschlossenes und vollendetes Formenideal,und andererseits wieder die subjective Freiheit und Ungebundenheit in der Formen-gebung, bilden ein wichtiges Merkmal der neuern Kunst. Sie hat die unbedingtekünstlerische Geltung reiner Formen zu einem Glaubenssätze erhoben, und auf diese