Die bildenden Künste. 677
Weise eine besondere Gemeinde gestiftet, welcher vorzugsweise das Verständniß derKunst gegönnt ist.
Diese Anschauungen gelten, wenngleich modificirt, auch heutzutage und recht-fertigen so die von uns der modernen Kunst eingeräumte Stellung. Einen gänzlichenStillstand in der Entwickelung derselben zu behaupten, davon sind wir aber weitentfernt. Wollten wir den gewöhnlichen Ausgangspunkt der Besprechung modernerKunstzustände festhalten und init Carstens, David, Canova beginnen, wir würdendie gewaltige Strecke, welche wir seitdem zurückgelegt, erkennen. Ob jeder Meilen-weiser auf dieser Strecke auch einen wesentlichen Fortschritt bedeutet? Man möchtenicht blos dieses glauben, man ist sogar versucht zu meinen, wir haben im Lause derletzten Menschenalter zu wiederholten malen den Gipfel der Vollendung erstiegen,wenn man die in derselben Periode veröffentlichten Kunsturtheile zurathe zieht.Aber freilich, nichts ist unbeständiger als der Kunstenthusiasmus, nichts schwankenderals die Ansichten über den Werth eines Kunstwerks, nichts häufiger als der Wechselvom übertriebenste» Lobe zu maßlosem Tadel. Daß wir über die Schöpfungen deskünstlerischen Geistes nicht anders urtheilen als über die Erzeugnisse der Mode, überunsere Toilette z. B., die solange sie modern ist den allgemeinsten Beifall genießt,einmal aber von der Mode verworfen und abgelegt, so häßlich und lächerlich er-scheint, daß wir unser früheres Gefallen gar nicht begreifen können, dies wirft keinglänzendes Licht aus die Gediegenheit unserer Knnstbildung. Die Kunstanstchten derWeimarer Kunstfreunde sind uns gerade so fremd geworden, wie das einst wohl-bekannte L. I?., unter welcher Chiffre dieselben veröffentlicht wurden. Dies
läßt sich indessen durch die in der Zwischenzeit vorgefallenen großen Kunstereignisseerklären. Wird man es aber wol glauben, daß es eine Zeit gab, wo man inBendemann, dem liebenswürdigen, tüchtigen aber gewiß aus keinem Titanenstoff ge-schaffenen Künstler, Michel Angelo's Züge zu erkennen glaubte, oder in Sohn's er-künsteltem Farbenschmelze das Muster der Carnation pries! Und wie viele andereTäuschungen haben wir nicht im letzten Jahrzehnd durchgemacht. Als Gallait'sund Biefve's berühmte Bilder die Rundreise durch Deutschland machten, wie vielegab es da nicht, die nun das gelobte Land der Malerei entdeckt glaubten und einenepochemachenden Einfluß derselben auf die deutsche Kunst verhießen! Seitdem sindviele Jahre verflossen. Wurde die Verheißung erfüllt? Gallait selbst hat seineDarstellungsweise verändert; wir aber componiren und nialen, wie wir auch vor derPilgerfahrt der „Abdankung" und des „Compromiß" zu componiren und zumalen verstanden. Oder in Belgien? Wie kühl und sorgfältig abwiegend schätztman gegenwärtig die sogenannte nationale Reform der Kunst in den dreißiger Jahren,welche lauter Nebenbuhler der alten brabanter Meister zu liefern versprach. ImAngesichte dieser und anderer Irrungen wird vielleicht auch die folgende Schilderungder modernen Kunstentwickelung mit Mistrauen aufgenommen werden, und doppeltreichlich erschien daher die Richtschnur fester Thatsachen. Als eine solche tritt unszunächst das im Laufe der letzten Jahrzchnde veränderte Verhältniß zur Antike ent-gegen. Mit der geläuterten Erkenntniß der Antike, mit der glänzenden wissenschaft-lichen Belebung ches kritischen Sinnes durch Winckelmann und Lessing wurde derGrundstein zur modernen Kunstanschauung gelegt. Jenseit der Alpen beginnt David,der, nebenbei gesagt, in Joseph Vernet, Chardin, Doyen und Duplessis nicht unwichtigeVorgänger hatte, von den idealen Formen des Alterthums mächtig angeregt, seineeinflußreiche, auch auf Deutschland ausgedehnte Wirksamkeit. Dieser Zug der Phan-tasie, durch entsprechende Erscheinungen in der revolutionären Bildung Frankreichsunterstützt, beharrt mehre Jahrzchnde und findet in der classischen Richtung derArchitektur, in dem Streben der Plastik nach Stilisirung, in dem auffallenden Rück-tritte des Malerischen in der Malerei einen reichen und mannichfachen Ausdruck.Die Belebung des nationalen Sinnes, die Auffrischung eines strengern religiösenGeistes .traten, nicht ohne heftigen Widerspruch der Gegner, jener unbedingten Herr-schaft der wie die Aufklärung kosmopolitischen Kunst der Alterthumsfreunde entgegen