678 Die bildenden Künste.
und bewirkten seit etwa 30 Jahren eine Ablenkung von dem bis dahin einge-schlagenen Wege. An der Restauration der mittelalterlichen Dome kräftigte sich dieNeigung und das Verständniß der mittelalterlichen Architektur. Auch solche Künst-ler, welche die unbedingte Wiederaufnahme der Gothik verdammen, sprechen dennochdem Bogen und der Wölbung, also dem Gegensatze der antiken Baukunst das Wort.In der neuesten Plastik regt sich der Geist eines gediegenen Realismus, derselbeGeist, der auch die Malerei berührt und auf die Komposition wie auf die äußernDarstellungsmittel bereits Einfluß gewonnen hat. Bezeichnend für den Umschwungin .dieser Kunstgattung ist nicht allein das verringerte Schulansehen der großenMeister des 16. Jahrhunderts — man geht theils in die frühern Zeitalter, theilsauf das 17. Jahrhundert in dieser Hinsicht zurück — sondern auch die Unbedeutend-heit, zu welcher Rom als äußerer Schauplatz der Kunstübung herabgesunken ist. Inder ersten Zeit unsers Jahrhunderts glaubte man nur in der Nähe der Rafael'schenWerke und der vaticanischen Sammlungen die Künstlerreife erwerben zu können.Wem es die Gunst des Schicksals verstattete, schlug in Rom seinen bleibenden Auf-enthalt auf; wer zur Heimkehr nach dem Norden sich gezwungen sah, lebte hierausschließlich den römischen Erinnerungen. -Die Überzeugung, nur in Rom könneder Künstler schaffen, nur ein „Römer" sei zu einem richtigen Kunsturtheile be-fähigt, war in den betreffenden Kreisen so tief gewurzelt, daß sie die Versuche derin der Heimat Zurückgebliebenen, in selbständiger Weise zu schauen und zu prüfen,als eine freche Anmaßung behandelten. Der gemeine Fehdebrief, den im Jahre1826 Thorwaldsen, Veit, Koch, Neinhart, Catel u. A. gegen die in Deutschlandherrschende Kunstanschauung erließen, und dem Reinhart im Jahre 1830 ein nochgemeineres Sendschreiben an den Hofrath Schorn folgen ließ, galten zwar angeblichder „ deutschen Kunstschrciberei", sie waren aber in Wahrheit nur ein Ausbruch desÄrgers darüber, daß Rom nicht mehr als der ausschließliche Mittelpunkt des künst-lerischen Lebens gelten sollte. Diese jetzt gänzlich vergessenen Kundgebung?» verletzterEitelkeit sollten 20 Jahre später an Rom glänzend gerächt werden. Im Jahre1847 hörte man in Rom einige Wochen lang viel weniger von allen alten Kunst-helden, als von einem deutschen Maler Julius Schrader sprechen, der bis dahin alspreußischer Pensionär still und beinahe völlig unbekannt in der Weltstadt gelebt hatteund nun plötzlich mit einem Bilde hervortrat, das angeblich zu dem Besten gehörte,was seit Menschengedenken war geschaffen worden. Es war die Übergabe von Calaisunter Eduard III., oder richtiger, die Begnadigung der zum Tode verurtheilten Bür-ger auf die Fürbitte der Königin und des Königssohns. Wir Deutschen lerntenSchrader seitdem aus zahlreichen andern Werken kennen. Bei aller Tüchtigkeit, dieman ihm zuschreiben muß, kann man diese Begeisterung doch nicht recht begreifen,wenn man nicht in Anschlag bringt, daß die in Rom heimischen Künstler bis dahinkeinen Glauben und keine klare Anschauung von der Kunstthätigkeit diesseit derAlpen besaßen. Nun kam ihnen ein glänzendes Zeugniß plötzlich vor die Augen.Schrader's Bild, obgleich in Rom gemalt, hatte doch nichts von der dort üblichenbanalen Weise an sich: es zeigte sich als eine durchaus selbständige, von nordischerPhantasie und nordischem Farbensinne eingegebene Schöpfung. D?r Unterschied vonden gewöhnlichen römischen Werken war so groß, die Vorzüge so einleuchtend, daßdie frühere Mißachtung zu einer beinahe übertriebenen Bewunderung umschlug. Wasdiese Thatsache andeutet, daß Rom aufgehört hat, die einzige wahre oder wenigstenshöchste Kunstschule zu bilden, bestätigen auch andere Wahrnehmungen. Die Zahlhervorragender Künstler, die Rom nichts zu danken haben, es niemals besuchten,mehrt sich in auffallender Weise, und in einzelnen, besonders jünger» Kunstkreisen,z. B. in Frankreich und Belgien, wird die Nichtbeachtung Roms und Italiens alsGrundsatz aufgestellt. Das mag übermüthig und übertrieben sein: die Poesie desepclusiven Künstlerlebens hat jedenfalls durch den Rücktritt Roms einen argen Stoßerlitten. Aber nnbezweifelt steht auch auf der andern Seite, daß unsere Kunst, sollsie im Volke Wurzeln schlagen, der heimischen Gefühlsweise mehr entsprechen muß,