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Die bildenden Künste.
auf dem christlichen Parnasse; Rafael's rechtes Ohr ist dem Sänger der „GöttlichenKomödie" zugewendet, auf diesen lenkt auch Signorclli die Aufmerksamkeit MichelAngelo's: d. h. Dante's Ideen haben alle christlichen Künstler geleitet u. s. w. Dar-über geht dem Beschauer alle Gcfühlswärme verloren, und auch den Künstler hemmtedieses Hervorheben bald geistreicher, bald blos spitzfindiger Beziehungen an dct eigent-lichen schöpferischen Thätigkeit. Die Gestalten leben nicht recht und erscheinen, nach-dem ihre symbolische Stellung auf dem Parnaß errathen wurde, langweilig. Dasgleiche Übermaß des Symbolischen wird auch in der himmlischen Gruppe bemerkbar.Auch hier gelte» die Gestalten nicht für sich, auch hier läßt es sich der Meister nichtgenügen, uns Verklärung und göttliche Ruhe schauen zu lassen, sondern quält sichund uns mit einer Fülle abstracter Anspielungen. Die Kaiserin Helena mit demKreuze bildet die Hinweisung auf den himmlischen Adam und muß deshalb die eineReihe schließen, wie der irdische Adam die andere beginnt. Abraham mit dem Opfer-messer deutet den Erlösungstod, Joseph mit der Garbe die Speisung, der Gläichigenmit himmlischem Brote an. Das macht das Opfermesser und die Garbe zur Haupt-sache und lenkt die Aufmerksamkeit von dem Wesen der Gestalten.ab. Es krankt,mit einem Worte, Overbeck's Bild an der einseitigen Reflexion; es ist mehr mit demVerstände als mit der Phantasie geschaffen und eben deshalb in unlebendigen, mattenFormen durchgeführt. Wenn es sich darum handelt, Overbeck's biblisch-theologischenScharfsinn, seine reiche und tiefe Denkkraft zu beweisen, dann wird der Triumph derReligion, immer noch das Beste von allen didaktisch-allegorischen Bildern der Gegen-wart, viel besser z. B. als Veit's Einführung der Künste, zuerst genannt werde»müssen; der unsterbliche Künstlerruhm des Meisters wird aber gewiß nicht an diesemgelehrten Werke, sondern an seinen einfachern und ältern Werken hasten, die nichtnur durch die reinen und schönen Linien, sondern auch durch den tiefen Frieden, diekeusche Empfindung und die innigste, zarteste Frömmigkeit, die aus ihnen spricht, inunbeschreiblicher Weise anziehen. Overbeck hat allerdings wie seine jungen Freundedie alten Florentiner des s 5. Jahrhunderts zum Vorbilde erkoren; aber während jenegewöhnlich nur in Äußerlichkeiten ihnen nahekommen und die Ursprünglichkeit derSchöpfung vermissen lassen, ist Overbeck in seinem innersten Wesen selbst, in seinerganzen Gefühlsweise zu einem altitalienischen Meister geworden, daher auch seineWerke die gleiche ungetrübte, erhebende Wirkung üben.
Nächst den lübecker Bildern gehört zu dem Besten, was Overbeck geschaffen,der Cyklus von Zeichnungen aus dem Leben Jesu. Ursprünglich sür die Präger Kunst-handlung Bohmann's Erben bestimmt, wurden sie später vom Baron Lotzbeck in Frank-furt erworben. Overbeck hat in diesen 40 (von Keller und Andern in Kupfer ge-stochenen) Blättern den gewöhnliche» Darstellungskreis glücklich erweitert, traditionelleAuffassungen mit geistreicher Hand belebt und überall die meisterhafte Beherrschungdes Stoffs, das tiefste Empfindungsvermögen und das sinnigste Schönheitsgefühl be-kundet. An der Berusuüg des Apostels Matthäus, am Abendmahle, an der Verleug-nung Petri, Barrabas' Freisprechung und der Grablegung werden sich späte Jahr-hunderte ebenso innig freuen, wie wir an Fiesole's heiliger Einfalt uns erheben.
Wenden wir uns von dem Gründer und Meister der Schülern dessen Freundenund Schülern, so begegnen wir keinen abgeschlossenen, eutwickelungsreichen Gestalten.Es ist nicht allein eine mindere künstlerische Begabung denselben eigen, sie haben esauch nicht verstanden, unbefangen und harmonisch zu empfinden, den Gegensatz, inwelchem sie zu allem Modernen beharren, zu überwinden und sich vollkommen in dasidealisirte Mittelalter hineinzuleben. Von den in dieser Richtung thätigen untergeord-neten Kräften gilt namentlich, daß sie aus der Noth eine Tugend machen und dieBeschränktheit der mittelalterlichen Formengebung nur aus dem Grunde preisen, weilsie hinter diesem Schilde die eigene Beschränktheit verbergen können. Bezeichnend fürdiesen,Kreis ist auch die Treue zu dem Ausgangspunkte der religiösen Kunstrichtung,die noch immer nicht versiegte Vorliebe für romantische Stoffe, das starre Festhaltenan der von Schlegel und dessen Freunden vertretenen Bildung. Wenn jüngere Kunst-