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Die bildenden Künste.
Bildung vielmehr muß mau es zuschreiben, daß B..West's und Haydon's religiöseSchilderungen den Stempel der ärgsten Nüchternheit an sich tragen, und des erst-genannten vielgeseierten Künstlers Werke uns die Zeit der traurigsten akademischenVerirrungen vergegenwärtigen. Haydon's Krastsprünge und ungeberdige Richtung,die ihn in seinen religiösen (Einzug Christi in Jerusalem) wie in seinen historischenWerken (Marcus Curtius, Macbeth, Romeo und Julie) das Ziel überschießen ließ, wärendurch eine rege Theilnahme des Publicums nicht verhindert worden; und vollendsJohn Martin's Raritätenkästen, die er für historische Gemälde ausgibt, sie stoßennicht einmal auf einen heftigen Widerstand. Man muß sich auf der einen SeiteAltdorfer's Auffassung der Geschichte neu belebt denken, auf der andern die Re-sultate moderner antiquarischer Studien in trockener Weise auf die Kunst angewendet,und über das Ganze noch einen absonderlichen landschaftlichen Effect ausgegossenvorstellen — und man hat Martin's künstlerische Grundsätze vollkommen begriffen. ,Wenn er z. B. Babylons Untergang schildert, so ist sein Augenmerk zunächst aufdie historisch treue Neproduction der Landschaft gerichtet. Alle Nachrichten, die überdie Form, die Ausdehnung und die Verhältnisse babylonischer Bauwerke auf unsgekommen sind, werden mit ängstlicher Sorgfalt gesammelt und mit dem Pinsel ausdie Leinwand geschrieben. Nachdem der topographischen Überlieferung Genüge ge-schehen, geht die Sorge des Künstlers dahin, den Plan mit unzähligen kleinen Fi-guren zu füllen, wobei natürlich an eine tiefere ftelenhafte Charakteristik, an eine ^wirksame Gruppirung gar nicht gedacht wird. Um dem nüchternen Chrvnikenstil Ieinigermaßen das Gleichgewicht zu halten, wird eine auffallende Beleuchtung, etwa !eine durch das Mondlicht matt erleuchtete Nacht gewählt. Es wäre ja ein wahres !Unglück, würden ähnliche Verirrungen durch eine allgemeine Theilnahme noch auf-gemuntert. Das Publicum verhält sich ganz mit Recht gegen solch falsche historische sKunst gleichgültig; es wendet billig seine Neigung andern Zweigen der Malerei zu,unbekümmert um das Geschrei von einer zunehmenden Geschmacksverderbniß. Daßschlechte historische Darstellungen höher gelten als gelungene Schilderungen von Ein-zelgestalten z. B., müßte erst bewiesen werden. -
Wie jedes aristokratische Volk, so pflegt auch das englische die Porträtmalereinicht aus leerer Eitelkeit, sondern weil die in aristokratischen Kreisen vorzugsweiseheimische weibliche Anmuth und kräftige Ausprägung würdevoller männlicher Charakterezur Wiedergabe der einzelnen Charaktere reizte, und die Individuen hier eine höhereStellung einnehmen als in nivellirten Gesellschaften. Thomas Lawrence war ganz derMann nach dem Sinne der englischen Aristokratie. Seine elegant behandelten und !durch eine feine Auffassung und glänzende Technik ausgezeichneten Porträtbilder ent-sprechen dem Wesen der vornehmen Kreise vorzüglich. Daher fand auch seine Rich-tung in Östreich, wo die aristokratischen Stände gleichfalls eine hohe gesellschaftlicheStellung und mannichfache ästhetische Vorzüge bewahrt haben, einen ungemein großenAnklang und wird hier bis auf den heutiger; Tag fortgesetzt.
Das bis zum Eigensinn selbständige und sich abschließende englische Naturell, Isowie der Mangel an einer bindenden Schule, haben eine endlose Zahl von Kunst- !weisen und Manieren hervorgerufen, deren übersichtliche Darstellung geradezu un-möglich ist. Gewisse nationale Mangel, z. V. eine harte und grelle Farbenzusammen-stellung, phantastische Lichkreflexe (wir erinnern nur an Paton's und Maclise'sBilder), klingen sehr häufig an, sonst aber herrscht eine Ungebundenheit und Zer-fahrenheit, wie sie bei keinem andern Volke und in keinem andern Zeitalter ange-troffen wird. Selbst der 'Einzelne entwickelt nicht selten ebenso viele verschiedeneManieren als er Bilder malt. Mulready z. B., der mit Recht jenseit des Kanalszu den Kunstgroßen gerechnet wird und in der Schilderung des Knabenlebens Vor-treffliches leistet, reiht sich in seinem Bilde Wolf und Schaf (zwei balgende Jungen)den alten Niederländern in der Technik an, und seine „Badenden" tragen denSchein eines Pastellgemä'ldes und geben das Weiche, Sammetartige dieser Malweisewieder. Ganz anders tritt er uns in seiner Kleiderwahlscene (nach einem Motive im