Die orientalische Frage. 853
gründe gerichtet hat, für mehre Jahrhunderte Deutschland und die Hansestädte inKnechtschaft bringen würde."
In solchen Zwischenzeiten des Unmuths war es, baß er, wie man aus einemSchreiben an Engeström (1. Mai 1813) sieht, bei Finnen und Polen den Geist derSelbständigkeit und Nationalität durch seine Agenten wecken, ja, daß er den Türkensagen ließ, das russische Reich sei, trotz aller errungenen Vortheile, seinem Falle nochnie so nahe gewesen wie eben jetzt; Schweden aber und die Pforte haben dieselbenJntereffen, dieselben Gefahren und dieselben Feinde zu bekämpfen, dasselbe Ziel imAuge zu halten, um ihre Grenzen zu behaupten und der Beeinträchtigung sich zuerwehren; die Pforte habe bereits allzu viel verloren, und jeder Daumenbreit Landes,der diesem Reich ferner entzogen würde, sei als ein Unglück für Schweden zu betrachten.
War hier seine wirkliche politische Ansicht ausgesprochen, was soll man danndenken von den Motiven, die ihm diesen Ausdruck maßloser Ergebenheit für Alexan-der dictirt haben mögen: „Bande des Bluts, Kindesliebe, Dankgefühl für Frank-reichs Krieger, die mich erhöht und denen ich meinen Ruhm schulde, das Alles, Sire,habe ich Ihnen zullebe vergessen"—? Und sollten wol die Türken auch nur einenAugenblick den Versicherungen des Vermittlers von Bukarest Glauben geschenkt haben?
Es war in der That ein sehr großer Dienst, den Bernadotte dem Kaiser-Alexan-der leistete. Aus Lallerstedt sieht man, daß er sich freiwillig dazu erbot (durch Lö-Wenhjelm, der am 8. März 1812 nach Petersburg abging). Der schwedische Ge-sandte Tavast ging nach der Türkei; seinen Bemühungen ist es (nach Lallerstedt) haupt-sächlich zuzuschreiben, daß der Sultan die lange verzögerte Ratifikation endlich ertheilte.
Motive des Friedens von Bukarest.
Ranke sagt in seiner.Geschichte der serbischen Revolution: „Man erstaunte, alsdie Türken eben damals, als sie sich für alle seit einem Jahrhundert erfahre-nen Angriffe an Rußland rächen konnten, als ihnen sogar die Wiedereroberuug derKrim verheißen ward, im Mai 1812 den Frieden von Bukarest schloffen. Es istnicht unsers Amts zu untersuchen, wie viel das englische Gold und die Ränke derbeiden Morusi, von denen, wie man behauptet, der Eine in der Hauptstadt Alles,vermochte, der andere, Demetrius, den Reis-Efendi als erster Dragoman leitete, oderendlich die Überzeugung, daß Napoleon, sobald er nur Rußland überwunden habe,die Türkei anzufallen nicht zögern werde, hierzu beigetragen."
Seitdem läßt, durch die Enthüllungen von Bignon (im 11. und 14. Bande),sowie durch die Denkwürdigkeiten von Tschitschagow, sich darthun, daß diese sämmt-lichen bewegenden Ursachen ziemlich in gleichem Maße zusammengewirkt haben.
Was das englische Gold anlangt, so sagt der Herausgeber von Tschitschagow'sDenkwürdigkeiten: „Man nimmt gewöhnlich an, der Vertrag von Bukarest sei durchEngland erkauft, welches, zum Zweck des bald.ausbrechenden Kriegs, das russischeHeer in der Moldau verfügbar mächen wollte; wir finden in den Denkwürdigkeitendes Admirals nichts, was dieser Meinung förmlich widerspräche." Bignon erzähltnach einer Depesche von Andreössy (14. Aug. 1812), der Reis-Efendi habe diesem,dem französischen Gesandten, gegenüber das Vorgefallene in dieser Weise gerechtfer-tigt: „Wir hakten weder Artillerie mehr, noch Schießbedarf, noch ein Heer; das Volkwollte den Frieden, man mußte ihn schließen; das war im Geschick beschlossen." DasGeschick aber, sagt Bignon, sei des Reis-Efendi und anderer Beamten Käuflichkeitgewesen. Die beiden Morusi, griechische Fürsten, wurden später — nachdem mit demEinlaufen der Nachricht von Napoleon's Einzug in Moskau das franzosenfeindlicheMinisterium der Pforte gestürzt war — im November hingerichtet; bei dem Einenfand man einen Ring, 12000 Piaster werth, und Anweisungen auf Ländereien inden an Rußland abgetretenen Gegenden; eine Inschrift am Blutgerüst besagte, derVerräthcr habe das Verbrechen mit dem Kopfe gebüßt. Man hat die Pforte oft-mals gewarnt, keine Griechen in ihrer Diplomatie oder als Dolmetscher zu verwen-den, sie hat sich noch immer nicht ermannt, die verderbliche Gewohnheit aufzugeben.