Die orientalische Frage. 967
nehmen zu können meinte. Der Herzog von Wellington ereiferte sich zwar gegenden vom Unterhause geführten Angriff auf die königliche Prärogative, aber er wagtedoch nicht, seinem erhabenen Freund dem Kaiser, den demselben so treu ergebenen,so willkommenen Gesandten wirklich zu schicken.
Frankreich hatte nach Konstantinopel den General Guillenünot entsendet, der,in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, den Divan zu Kriegsrüstungcn —man dachte an die Nüssen — ermunterte. Metternich hacke von diesen gefährlichenUmtrieben Kunde erhalten und in Paris Vorstellungen gemacht. Der General wardzurückgerufen, „weil er das dreifache Unrecht begangen, das System des Friedensbloßzustellen, seinen Weisungen (man will aber wissen, er habe keine bekommen) zu-widerzuhandeln, und — mit einem Leichnam zu sprechen". Das sind die Ausdrückeder guten Freunde, der Verbündeten, der Beschützer der Pforte, die es dem KaiserNikolaus zum Verbrechen machten, wenn er (mit welcher Schonung!) von, „krankenMann" ein Wörtlein fallen ließ.
Mehemed-Ali, Pascha von Ägypten.*)
Der Kampf der Griechen gegen die Türken war ein nationaler und, wennman will, ein religiöser. Der Krieg, den Mehemed-Ali, Pascha von Ägypten, durchseinen Sohn Ibrahim zwei mal gegen den Sultan führen ließ, hatte in den Inter-essen und dem Willen einer Persönlichkeit seinen Ursprung.
Diese Unterscheidung wird Jedem einleuchten, wie wenig er auch sonst vorbe-reitet sein mag, für die Beurtheilung von Mehemed-Ali's Beginnen den rechten Ge-sichtspunkt zu nehmen.
Mehemed-Ali war mächtiger als irgendein anderer Pascha, fähiger als die mei-sten, Viele Umstände trafen zusammen, Hülfsmittel in seine Hand zu legen, wieman sie selten vereinigt findet. Ein loses, längst gelockertes Verhältniß der Provinzzum Herrscher des Neichs, eine nach der Zerstörung der Mamluken schrankenlose Ge-walt, eine große und erfinderische Thätigkeit in Benutzung der Kräfte des Landes,neben vollendeter Nückstchtlosigkeit und Härte gegen die Bewohner, ein in europäi-scher Weise geschultes Heer, die Erinnerung an kriegerische Thaten, man würde sa-gen, große Dienste, die er der Pforte erwiesen, wenn nicht Zbrahim's Grausamkeitwesentlich dazu beigetragen hätte, die Griechen vollends zur Verzweiflung zu bringen:Dies und Ähnliches machte die Stellung des Pascha von Ägypten zu einer nichtsweniger als gewöhnlichen. Aber es blieb darum doch die Stellung eines Pascha,und der Aufstand, wenn man ihn so nennen will, blieb der Aufstand eines Paschagegen den Sultan.
Wird ein Pascha verjagt, so denkt in der Türkei keine Seele daran, zu sagen,die Provinz habe sich gegen den Sultan empört. Vielmehr jagt man den Paschaweg, wenn er es gar zu arg macht, und der Sultan schickt einen andern; an seinerAutorität zweifelt, rüttelt Niemand, von ihm hofft man Abhülfe, und nicht ver-gebens, wenn man zu jenem drastischen Mittel gegriffen hat, seine Beschwerde dar-zuthun. Ebenso, wenn ein Paschä gegen den Sultan sich erhebt, so sagt Niemand,die Provinz ist aufgestanden. Hundert Empörungen von längerer oder kürzererDauer, von mehr oder weniger Bedeutung, sind zuletzt in sich selbst zerfallen, denndas Volk war weit entfernt sich mit dem Pascha Eins zu fühlen. Der Sultan istder Schirmherr von Allen, der berufene Herrscher der Gläubigen. Hört der augen-blickliche Druck auf, zeigt sich des Sultans Autorität wieder sichtbar, so fallen ihralle treuen Herzen zu. Keinem Pascha ist jemals gelungen, eine unabhängige Dy-nastie zu gründen. Vergesse man nicht: wenn ein Pascha den Gehorsam verleugnet,so hören die Bewohner der Provinz nicht auf, dem Islam an-zugehoren.
*) Bgl. Urquhart, „Sultan Askmouck snck Lleksmet sli pssda" (3. AuSg.,„ London1835), und die vom Verfasser der gegenwärtigen Darstellung gearbeiteten Artikel: „Ägypten"und „Zbrahkm-Pascha", im „Conversations-Lexikon der Gegenwart".