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Die orientalische Frage.
Mehemed-Ali's Aufstand ist zu solchem Umfang angeschwellt, ist in ein gänzlichtäuschendes Licht gerückt worden, weil die europäische Diplomatie denselben als eineSache des politischen Gleichgewichts, mit andern Worten, als einen Gegenstand derIntrigue aufgegriffen und behandelt hat. Daher denn bei der in diesen Kreisennicht minder als im großen Publicum herrschenden Unwissenheit und Sorglosigkeit,die fabelhaften Vorstellungen von den Absichten und Entwürfen des alten Pascha.
„Er hat Mahmud absetzen und sich selbst zum Sultan machen wollen." Dasist die bescheidene Absicht, die diesem Manne von Vielen noch geliehen wird, sofernsie überhaupt sich des Mannes noch erinnern, der während unserer Revolutionsjahrespurlos von der Weltbühne verschwand. Er hat Sultan werden wollen. Es istungefähr ebenso verständig, als wenn der König von Preußen, Protestant wie er ist,Papst werden wollte. Und doch könnte ein Protestant tausend mal eher Katholik,ein Proselyt tausend mal eher Papst werden, als daß Mehemed-Ali ein Sproß ausOsman's Stamm geworden wäre. Es führt aber kein anderer Weg zum Khalifat,und der Türke nimmt diese Sache verzweifelt ernsthaft.
„So hat er doch ein großes, arabisches Reich gründen wollen." Das läßt sichschon eher hören. Das ist, was unter Umständen Bonaparte vielleicht fertig gemachthätte, und der war auch nicht aus Osman's Stamm. Doch möge man uns nichtübelnehmen, wenn wir uns nicht an Vermuthungen halten, sondern an Thatsachen.
Wir könnten einfach fragen, ob denn Ibrahim nach der Schlacht von Koniehgegen Varennes oder Reschid, ob Mehemed-Ali gegen Murawiew das Wort Unab-hängigkeit oder auch nur Erblichkeit ausgesprochen. Aber da wir einen negativenBeweis nicht liefern, sondern nur auf die bekannt gewordenen Berichte uns beziehenkönnten, so wollen wir positive Umstände anführen.
Mehemed-Ali trat so auf, und ließ Ibrahim so auftreten, daß der Sultan ihnnicht zu verleugnen brauchte. Er ließ dem Sultan sehr lange noch die Möglichkeit,das Geschehene, wie es hundert mal geschieht, gutzuheißen, als wäre es auf seinenBefehl oder doch mit seinem Vorwiffen geschehen. Ibrahim hat die Autorität desSultans niemals angefochten. Als die Geistlichkeit von Damascus fragen ließ, fürwen man beim Gottesdienst beten solle, ließ er dem Jmam Stockschläge geben: ober nicht wisse, daß man zweien Herren nicht dienen könne? Überall in Syrien ließer für den Sultan beten. Nach der Schlacht von Konieh noch behandelte er dengefangenen Großvezier als seinen Vorgesetzten. In der Zwischenzeit bis zum zweitenKriege hat die Diplomatie natürlich noch weiter geschirrt. Aber nach der Schlachtpon Konieh war Jbrahim's Stellung eine gebietende. Warum hätte er auch nichtden Versuch gemacht, sie für seines Vaters Entwürfe auszubeuten?
Auch über die Gründe, aus welchen Jbrahim's Waffen so guten Fortgang hat-ten, täuscht man sich vielfach. Das Befremdendste bleibt, daß der religiöse Bann-sirahl, das Fetfa, so gut als wirkungslos, inmitten einer muselmanischen Bevölkerung,von der Brust der Betroffenen abprallte. Man muß dabei vor allen Dingen Einsins Auge fassen: der Sultan galt für russisch, und das ist ein Verbrechen, auchein'Religionsverbrechen. Selbst die Reformen mußten bei den Altgläubigen auf denSultan einen Schatten werfen. Mehemed-Ali war im Besitz der heiligen Städte,Mekka und Medina, Damascus und Jerusalem. Von ihm hatten die Pilger mehrals vom Sultan zu hoffen und zu fürchten. Soeben hatte er auch, zum Zeichenseiner Nechtgläubigkeit, den heiligen Teppich, das jährliche Weihgeschenk für dasGrab des Propheten, mit besonderm Pomp entsendet. Rußland hatte ihn mit seinemTadel beehrt; er mußte ein guter Muselman sein. Ibrahim wußte geschickt zu ver-breiten, er komme im Einverständnjß mit England und Frankreich, auch wol imheimlichen Einverständniß mit dem Sultan selbst, um Mahmud aus Rußlands Hän-den zu befreien. Konnten diese Vorstellungen bei dem Volk in Syrien, später inKleinasien, ihre Wirkung verfehlen?
Man darf aber auch nicht aus Jbrahim's Siegen auf eine Überlegenheit desägyptischen Heeres schließen. Die Türken haben sich brav geschlagen; aber der Se-