984 Die orientalische Frage.
lichen Ansehens den Exsecretär erdrücken zu können? Merkwürdig genug ist, daßdie „Dreißig Jahre auswärtiger Politik" die Sache so darstellen: Lord Palmerston habe,Wegen seiner Betheiligung bei der Vixen-Unternehmung, Urquhart abrufen müssen, habeihm indessen freundlich versichert, der Grund seiner Entlassung solle selbst dem. Ge-sandten in Konstantinopel ein Geheimniß bleiben. Dagegen habe Urquhart geglaubt,auf sein Verhältniß zu Sir Herbert Taylor hin dem Minister trotzen zu können. Wirentsinnen uns nicht, von Urquhart selbst etwas dieser Version Entsprechendes vernom-men zu haben. Wol aber ist glaublich, daß es für Lord Palmerston nicht eben er-wünscht sein konnte, auf Wegen und Stegen eine so unerbittliche Kritik an seineFersen sich heften zu sehen. In mehr als einem Falle sind ähnliche Angriffe ver-stummt. Was Georg M. von Junius sagte: „Aus dem haben wir einen stillenMann gemacht", das hat sich auch später wiederholt. Wer sich der Heftigkeit er-innert, mit welcher Chisholm Anstey, der sich in Urquhart's Schule gebildet Hatte,den edeln Lord einst angriff, der wird, als er die Nachricht las, daß Anstey eineneinträglichen Posten in Hongkong erhalten, vielleicht die Frage sich vorgelegt haben,ob derselbe in seinem neuen Wirkungskreise wol noch Muße finden werde zu gleicheingehendem Studium der auswärtigen Politik.
Inzwischen machten nachtheilige Gerüchte über Urquhart die Runde in englischenund fremden Blättern. Urquhart glaubte den Urheber in einem Attache der Gesandt-schaft in Konstantinopel entdeckt zu haben, und foderte, um eine öffentliche Verhand-lung der einschlagenden Verhältnisse herbeizuführen, denselben vor Gericht; aber derMann konnte im öffentlichen Dienst nicht entbehrt werden, also auch nicht erscheinen.Ebenso vergebens suchte Urquhart den Minister zu einer Erklärung zu bringen; derBriefwechsel ging in die schon erwähnte Erörterung über den Zusammenhang des„Lortkolio" mit dem Auswärtigen Amt über.
Indem Urquhart diesen Zusammenhang nachwies, hat er dem Minister imGrunde gar keinen unwillkommenen Dienst gethan. Denn wenn Lord Palmerston,Wie Jedermann weiß, von Urquhart des geheimen Einverständnisses mit Rußland be-schuldigt wird, so können seine Freunde nur einfach fragen, ob etwa das „kortkolio"auch im Einverständniß mit Rußland unternommen worden, ob jene Einhüllungen,jene zum Gemeingut aller Welt gewordenen Überzeugungen nicht zuletzt, wie es noch.immer mit der Macht der Ideen der Fall gewesen, sich wirksamer, unwiderstehlichererweisen als eine Intrigue, wie künstlich sie auch geschürzt, wie überlegen die Ge-wandtheit, mit der sie durchgeführt worden.
Der Ausgangspunkt der Agitation, durch welche Urquhart auch Denen bekanntgeworden, die seines ersten Auftretens sich nicht erinnern, war ein Festmahl in Glas-gow, am 23. Mai 1838. Eine Stadt, die als Vertreterin von Handelsinteressenso bedeutend ist, schien ein ungemein glücklich gewähltes Feld. Aber es war demMann nicht gegeben, denselben Kreis, der sich zuerst um ihn gesammelt, auf dieDauer festzuhalten. Wir finden ihn ir; sehr verschiedenen Kreisen thätig; eine zeit-lang steht er mitten unter den Chartisten. Auch die Blätter, die für seine Mit-theilungen ihm offenstehen, wechseln gar häufig. Eine zeitlang die „liwss", dann„Aoi-niliA llsralä" und „UorniirZ .äcivortkor" waren Organe, die seine Aufsätze min-destens nicht zurückwiesen. Es gab aber auch Zeiten, wo er auf die Benutzung vonProvinzial- und Lokalblättern (namentlich in Glasgow, Newcastle, und diesen Augen-blick wieder Sheffield) beschränkt gewesen. Vorübergehend hatte der letzte Krieg ihnwieder in den Vordergrund gerückt; namentlich als es sich zeigte, daß die Türkenallerdings den Russen gegenüber viel schlagfertiger waren als man gedacht. Abereinen dauernden Eindruck hat seine Agitation in keiner einzelnen Sache zur Folgegehabt, eine Partei ist zu bilden ihm nie gelungen. Er wirft Ideen hin; einekleine Schar von Jüngern, die früher oder später zu seiner Fahne getreten (auchder Prophet unterschied unter seinen Getreuen die Ansars und die Mohagerim), dar-unter Frauen, die mit großem Enthusiasmus den Ausdruck einer so tiefen und opfer-bereiten Überzeugung sich angeeignet, sind geschäftig, schwankende Ansichten zu be-