Die orientalische Frage. 983
fachsten Grunde von der Welt — weil Lord Durham's Gewährsmann ein russi-scher war.
So wenig Lord Durham persönlich um den Besitzstand von Suchuk-Kale, sowenig hat Lord Palnterston persönlich um Rußlands Vertrag mit der Pforte vom28. Dec. 1783 sich bekümmert. Der Zusammenhang liegt auf der Hand. LordPalmerston will nicht, daß aus dieser Sache ein Krieg werde. Er urtheilt ganzrichtig, die öffentliche Meinung will eS auch nicht. Nun muß er aber ein Übrigesthun,, um mit guter Manier aus der Sache sich zu ziehen. Wenn man noch dar-thun könnte, daß das Eine sich so, das Andere so verhält. Der Graf Neffelrodesieht nicht ein, viel weniger gibt er zu-, daß es solcher Beweise bedarf. Indessen,wenn es weiter nichts ist, wenn Lord Palmerston's Seele nur hungert und dürstetnach der Kunde des frühern und jetzigen Besitzstandes von Suchuk-Kale, wohl, sokann dem Mann geholfen werden. Der Graf Neffelrode vergibt sich nicht das Ge-ringste. Lord Palmerston richtet an ihn keine der beiden verfänglichen Fragen. DerGraf braucht keine zu beantworten. Lord Palmerston wirst sich selbst, dem öffent-lichen Gewissen Großbritanniens wirft' er diese Fragen auf; er beantwortet sie auchselbst; natürlich nach dem Material, das er aus Petersburg erhalten hat, in den«-jenigen Depeschen, die er nicht hat abdrucken lassen. Wäre es nicht reiner Luxus,mehr Aufschlüsse einem Parlament vorzulegen, das mit einem solchen Minimum sichabspeisen läßt?
Aber das ist augenscheinlich: die englische Regierung hat sich losgesagt von derPortfolio-Politik; und die Agitation hat ein Ende, sobald es Ernst werden sollte.Der Fall der „Vixen" sollte und mußte die Probe machen. Er war dazu bestimmt.Der antirussische Eifer ist gewogen und zu leicht erfunden. Krieg ist ein ernstesWort, von schweren Folgen. Wie viele Engländer hätten sich wol Rechenschaft zugeben gewußt, wofür der Krieg und worauf er begründet sei? Krieg für Suchuk-Kale; Krieg, weil die Russen behaupten, Suchuk-Kale sei russisch, denn das ganzeLand im Frieden von Adrianopel -sei ihnen abgetreten worden. Fox hatte einmalim Parlament gesagt: „Was, wir sollen Krieg führen um Oczakow; wo liegt Ocza-kow? Ich kann es auf der Karte nicht finden." Und nun Suchuk-Kale!
Das „Uortlolio" selbst ist an dieser Geschichte gestorben. Am 23. Mai gingLord Palmerston's Zufriedenheitserklärung ' nach Petersburg ab. Am 27. Mai er-schien die letzte Nummer des „kcwtkolio".
Lange nachdem es gestorben und ganz todt war, erschien eine Travestie, umden etwa gebliebenen Nest des Eindrucks im Lächerlichen vollends untergehen zumachen. Zu der dritten Woche des Juli 1838 brachte Ridgway, der erste Verlegerdes „kortkolio", ein Pamphlet, enthaltend einen russischen Entwurf zur TheilungFrankreichs, datirt vom 13. Juni 1833. Frankreich zerfiel in 18 Staaten: einerregiert von Karl X., ein zweiter von Heinrich V.j ein dritter von Ludwig Philipp;zwei Republiken liefen mit unter: Paris und Lyon; das Elsaß ward wieder deutschu- dergl. Die „Vlmsg" gingen in die Falle, unter unauslöschlichem Gelächter derWissenden. Als man der Urheberschaft nachging, verlor sich die Spur, wie mansagt, im Hötel des russischen Gesandten, Pozzo di Borgs.
Urquhart und Lord Palmerston nach dem Umschlage der britischen Politik.
Daß nun auch Urquhart, nachdem er acht Monate in Konstantinopel verloren,zurückgerufen ward, braucht nicht gesagt zu werden. Wie hätte in der britischenDiplomatie, und an jenem Orte, der Mann bleiben können, an dessen Persönlichkeitdas System sich knüpfte, mit welchem gebrochen werden sollte? Fand sich doch auchder Minister bald der lästigen Einwirkung entledigt, die ihm eine Richtung angewiesenhatte, die nicht die seinige war. Wilhelm IV., der seit geraumer Zeit hinfällig ge-worden, starb am 20. Juni 1837. Die Thronbesteigung der jungen Königin nahmdas Interesse aller Welt in Anspruch. Lord Palmerston hatte freie Hand.
Ob Lord Palmerston wirklich geglaubt haben mag, mit dem Gewicht seines amt-