992
Die orientalische Frage.
durchaus nichts Unangemessenes in der Veröffentlichung des ausgetauschten diploma-tischen Verkehrs., Die russische Politik fürchte nicht das Licht; sie sei mit beruhigen-den Erklärungen aus freiem Antrieb, als England Zweifel zu hegen geschienen, ent-gegengekommen. Amtlich wird jetzt angezeigt, Graf Simonitsch habe den Vertrag mitKohendil-Khan schon garantirt gehabt, als das Verbot des Kaisers bei ihm einge-laufen, der Kaiser habe deshalb seine Genehmigung verweigert, und da der Grafden Agenten Witkewitsch „dem Anschein nach mit einem diplomatischen Auftrag" nachKandahar entsendet, so sei nicht allein der Letztere zurückgerufen, sondern es sei denAfghanen erklärt worden, Rußland suche nichts Anderes als Handelsverbindungen.Zum Schluß sprach Rußland die Grundsätze aus, in welchen es die Bürgschaft desfernern guten Einvernehmens erblickt: „Die Ruhe der Völker Mittelasiens nicht zustören, ihren gegenseitigen Haß nicht zu nähren; die Mitbewerbung der Industrie injenen Ländern vor sich gehen zu lassen, einen Kampf aber um politischen Einflußnicht einzugehen; die Unabhängigkeit der uns trennenden Zwischenlandet: zu achten;das ist das System, welches in Englands und Rußlands gemeinsamem Interesse liegt,um die Möglichkeit eines Zusammenstoßes zwischen den beiden großen Mächten zuverhüten, die, um Freunde zu bleiben, in ihren Schranken sich halten müssen undgegeneinander in Mittelasien nicht vordringen dürfen."
Jedes Kind sieht, daß diese Noten für das Parlament zurechtgeschrieben sind.Die Concessionen, die Rußland gemachthat, sucht es möglichst als rein aus eigenemAntrieb ohne vorgängige Anfoderung gemachte erscheinen zu lassen. Lord Palmerstonkommt soweit entgegen als möglich. Er muß nur etwas in der Hand halten, umsagen zu können — Rußland hat ja Alles gethan, es ist in den besten Gesinnungenund die Sache wird nicht wieder geschehen. Lord Palmerston's erster Wunsch istwiederum, wie in der Viren-Sache, einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Er istsich wiederum bewußt, im Interesse seiner parlamentarischen Stellung sich den Scheingeben zu müssen, als hätte er sehr ernstlich Aufklärung und Rechenschaft verlangt,und als wäre ihm unter den Händen die Möglichkeit fernerer Reklamation, der Grundzu weiterer Beschwerde, zunichte geworden. Daß man ein Maskenspicl vor sich hat,zeigt schon die Art, wie die Agenten in Afghanistan, ihr Thun und Treiben, be-sprochen werden. Einer der Directoren der Ostindischen Compagnie, Henry St.-JohnTucker, sagt in einer für seine College« am 12. April 1839 ausgearbeiteten Denk-schrift: „Wir senden Burnes nach Kabul, scheinbar um Handel und Gesittung aus-breiten zu helfen, dies ist ein durchsichtiger Vorwand, ganz unwürdig unserer Regie-rung; Capitän Burnes war ein politischer Agent, um Persiens und Rußlands Be-wegungen zu beobachten, und im Nothfall der Afghanen sich zu bedienen, um demVorrücken der beiden Mächte Einhalt zu thun."
Man müßte ein Engländer sein, üm leugnen zu wollen, daß Rußland ebensogut das Recht hat als England, politische Agenten nach Kabul zu senden und seinepolitischen Interessen daselbst vertreten zu lassen. Wenn Rußland jede politische Ab-sicht verleugnet und sich den Anschein gibt, als glaubte es, daß auch die britische Regie-rung an politische Aufträge für jene Agenten nicht gedacht, so ist das wieder zu bestimm-tem Zweck, zur Befriedigung des Parlaments, so geschrieben; es ist ein Gaukelspiel.
Daß aber die englische Regierung diese Erklärungen alle nur zum Schein herbei-geführt hat, nur um den Krieg mit Rußland vermeiden und sich selbst doch an-scheinend nicht allzu viel zu vergeben; daß die englische Regierung selbst an diese Er-klärungen nicht glaubt, sondern das Gaukelspiel als solches erkennt, geht insbeson-dere noch aus den Gewaltmaßregeln hervor, die sie gleichzeitig und spater, nachdemsie von Rußland völlig zufriedengestellt ist, gegen die Staaten Mittelasiens verant-worten zu können vermeinte.
Zwecklose Gewaltthaten, Demüthigung und Rache der Engländer.
Das lange und hartnäckige Schweigen Lord Palmerston's hätte den Gesandtenin Persien zur Verzweiflung bringen mögen. Das Blaubuch weist aus dem Jahre