Die orientalische Frage. 993
1836 zwei Depeschen des Ministers nach, zusammen 21 Zeilen, aus 1837 drei De-peschen, zusammen 1,6 Zeilen- Endlich, am 12. Febr. 1838, erläßt Lord Palmer-ston wieder eine Depesche: über Herat, die Hauptsache, worüber ein Gesandter nachdem ander» die dringendsten Vorstellungen gemacht, kein Wort. Aber in Bezug ausden Awischenfall der Beraubung eines englischen Gesandtschaftsbvten durch die Perserwird Alles gebilligt, was M'Neill gethan, um Genugthuung zu erlangen. Er ver-folgt also diesen Gegenstand; und da die persische Regierung, ohne Zweifel weil siedie Worte der englischen in ihrer Kraftlosigkeit immer deutlicher erkannte, Alles, wasvon der englischen Gesandtschaft kam, unberücksichtigt ließ/ so verließ der Gesandteam 7. Juni das Lager und brach allen unmittelbaren Verkehr ab. Am 21. Mai1838 müßigt Lord Palmerston zum ersten mal sich ab, von Herat ernstlich zu reden; erweist den Gesandten an, zu erklären, wenn Persien fortfahre Herat zu bedrohen,so werde England das Bündniß als aufgelöst betrachten und Schritte zur Sicher-stellung seiner Interessen in Ostindien thun müssen. Sogleich nach Empfang dieserDepesche entsendet (10. Juli 1838) der Gesandte den Obersten Stoddart ins Lagerzum Schah.
Nun halte man einen Augenblick dies Datum fest. Siebzehn Tage später er-läßt Lord Palmerston wieder eine Depesche (27. Juli 1838), worin dem Schah vor-geworfen wird, anstatt, dem Geiste des Vertrags gemäß, zur Vertheidigung des bri-tischen Indien mitzuwirken, habe er bei Untergrabung der Zwischenstaaten sich offenmit einer europäischen Macht verbunden, zu Zwecken, die eingestandenermaßen un-freundlich, wenn nicht unbedingt feindselig gegen britische Interessen seien; Groß-britannien werde seine Maßregeln demgemäß nehmen.
Drei und einen halben Monat später erfolgt in Petersburg die erste schriftlicheAnfoderung um Erläuterung des Benehmens russischer Agenten, während am27. Juli bereits Rußlands Politik als eingestandenermaßen unfreundlich bezeichnetwar. Fünf Monate später als jene Depesche erklärt Lord Palmerston sich mit denrussischen Aufklärungen ganz zufriedengestellt.
In demselben Monat aber, in welchem Lord Palmerston Persien zum ersten malbedrohen ließ, erfolgte ein Schreiben des Generalgouverneurs von Ostindien an denSchah, und erfolgte die Besetzung der Insel Karrak im Persischen Meerbusen durchdie Engländer. Am 14. Aug. erklärte der Schah, die Belagerung Herats aufhebenzu wollen. „Hätten wir gewußt", sagt er zu Stoddart, „daß wir durch unsernZug die Freundschaft der britischen Regierung verscherzen könnten, wir hätten sicher-lich diesen Zug niemals unternommen." Am 9. Sept. zog das Belagerungsheersich zurück.
Daß Persien sich russischem Einfluß hingegeben, konnte kein Vorwurf mehr sein,seitdem Lord Palmerston von den russischen Mittheilungen so erbaut war, daß er nurnoch den Wunsch hatte, sie, zu mehrer Erbauung des Parlaments, auch diesem vor-zulegen. Die russischen Depeschen hatten auch sehr auf Versöhnung Englands mitPersien gedrungen. Was blieb dann noch für ein Streitpunkt? Lediglich die Frageder Genugthuung wegen der Jnsulkirung des Gesandtschaftsbvten. Rußland hattein der Depesche vorn 5. März 1839 versichert, der neue Gesandte Oberst Duhamelsei angewiesen, der persischen Regierung anzurathen, daß sie mit dieser Genugthuungnicht länger säume. Der Oberst Duhamel muß die Perser recht eigensinnig undtrotzig gefunden haben, alle seine Beredsamkeit, aller Einfluß seines Hofes muß sogänzlich an persischem Starrsinn gescheitert sein, daß nicht allein Lord Palmerstoneinen persischen Gesandten in London im Sommer 1839 unmöglich empfangen konnte,sondern daß der englische Gesandte im December 1839 sich gemüßigt sah, Persien zuverlassen und nach Hause zu reisen, ja, daß noch im Mai 1840 die abgebrochenendiplomatischen Beziehungen unmöglich hatten wieder angeknüpft werden können. DieInsel Karrak blieb unterdessen immer besetzt, auch die Hafenstadt Buschir. Freilich, auchder große Albuquerque hatte einst zur Sicherstellung der ostindischen Herrschaft derDie Gegenwart. XII. 63