Die orientalische Frage. 865
sich verschaffen und die jetzigen Fürsten ihrer Herrschaft gewaltsam entsetzen, und dasist «glücklicherweise» noch nie beabsichtigt worden."
Man begreift recht wohl, daß Lord Palmcrston solche Aussprüche der unter-richtetsten Männer dem Blicke des Parlaments zu entziehen bemüht gewesen, nach-dem er denselben schnurstracks zuwidergehandelt; aber daß er dies gethan, das ist,was man nicht begreift.
Die Kriegsgeschichte gehört nicht zu unserm Zweck. Angeführt aber muß wer-den, daß Nundschit-^Singh seinen Verbündeten (ungeachtet „ die Nachtigallen im Liebes-Hain niemals schöner gesungen") den bewaffneten Durchzug durch sein Gebiet zu ge-statten sich wohl hütete, vielmehr sie zwang, über die unwegsamsten Gebirge unterden größten Anstrengungen und Schwierigkeiten (man denke unter Anderm an die16000 Kameele!) sich einen Pfad ins Afghanenland zu suchen, daß die Afghanen-fürsten nach dem Fall einiger festen Plätze und nach verlorenen Schlachten das Feldals Flüchtige räumten, und daß Schah Schudschah am 7. Aug. 1839 in Kabul ein-zog. Der Triumph der Engländer, soweit es auf Kriegsoperationen ankam, warentschieden. Daß der Erfolg ein vollkommener sei, verkündeten Alle, die gedankenlosnach dem Anschein urtheilten.
Die Zeitungen schwelgten in Aufzählung der erfreulichen Quantitäten englischerManufacturwaaren, die man nach Kabul hin absetzte. Schah Schudschah schien auchziemlich aufrecht auf seinem Throne zu sitzen, solange ein englischer politischer Agentauf der einen, ,ein englischer Militär auf der andern Seite ihn unterstützte. EinTheil des Heeres blieb im Lande, zerstreut und in unglaublicher Sicherheit. Aberder Tag der Wiedervergeltung, der afghanischen Vesper, nahte heran.
Eine Feuersbrunst im Hause von Sir Alexander Burnes und seine Ermordunggab das Zeichen (2. Nov. 1-811). Die Engländer waren ganz unvorbereitet; sieunterhandelten. Afghanistan sollte geräumt, von den Engländern Geiseln gegeben,dafür aber ihnen auf dem Rückzüge Lebensmittel gereicht werden. Die Engländergestehen, daß von beiden Seiten die Bedingungen nicht gehalten sind. Sir WilliamM'Naghten fiel als Opfer seiner Leichtgläubigkeit. Die Unterhandlungen begannenvon neuem; unter schwerern Bedingungen mußte im tiefen Schnee der Rückzug an-getreten werden. Von 1500 Soldaten und.12000 Mann Troß waren nach einemMarsch von sieben deutschen Meilen noch 300 übrig; ein Einziger (vr. Brydone) er-reichte Dschellalabad lebend, um die Schreckensbotschaft zu bringen. Wie ein Wunderwar es, daß es dem General Säle gelang, durch heldenmüthige Vertheidigung Dschellala-bad zu halten.
In England fielen gar Manchen die Schuppen von den Augen. Man erin-nerte sich, daß einer der ostindischen Directoren im April 1839 schon ausgesprochenhatte, es sei kein Grund vorhanden, es sei ebenso unpolitisch als ungerecht gewesen,Dost-Muhammed und seine Brüder mit Krieg zu überfallen; man besann sich auchwol auf Urquhart's Analyse der Actenstücke.
Nun gewannen die Stummen ihre Sprache wieder. Nun erklärte Lord Ellen-borough, der Angriff auf Mittelasien stelle, nach den vorliegenden Papieren, als eineThorheit, nach fernern werde er vielleicht als ein Verbrechen sich herausstellen. Nunließ der greise Sir Harförd Jones Brydges, einst Gesandter in Persien, sich ver-nehmen: wer den Einfall in Mittelasien ausgesonnen, gehöre nach Bedlam, wer ihnausgeführt, gehöre an den Galgen. Nun ward ein Wort des Marquis von Welles-ley wiederholt: das Blut, durch welches Englands Charakter wiederum reingewaschenwerden könne, das müsse wicht in Afghanistan vergossen werden, sondern in England,auf dem Schaffet.
Man sollte denken, das Nationalgewissen wäre durch so starke Worte namhafterMänner vor allen Dingen auf die Ungerechtigkeit des britischen Angriffs und auf dieBerechtigung der Abwehr abseiten der Afghanen aufmerksam geworden. Aber dasschadet nicht; ein Rachekrieg muß doch geführt werden. Lord Ellenborough war der
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