1032 Die orientalische Frage.
englische Gesandte, während seines Aufenthalts in Petersburg habe er keine weitereMeinungsverschiedenheit bemerkt als die über die dynastische Ziffer Napoleon's III.Als aber schon im Weggehen der Kaiser ein Wort über den kritischen Zustand derTürkei fallen läßt, bittet der Gesandte um ein Wort der Beruhigung für die beider britischen Regierung in hohem Grade erweckten Besorgnisse in Bezug aus dietürkischen Angelegenheiten. Was der Kaiser ihm sagt, veranlaßt diese Gegenrede(die den Kaiser nicht verletzt zu haben scheint): „Es sei Sache des großmüthigen undstarken Menschen, den kranken und schwachen Menschen zu schonen", eine Bemer-kung, in welcher doch eigentlich mehr Mistrauen als Vertrauen liegt. Und was dieÜbereinstimmung der Interessen betrifft, so gelangt der Gesandte in seinem Bericht(1k. Jan.) zu diesem, von einer solchen Voraussetzung weit abweichenden Ergebniß:„England muß ein inniges Einverstä'ndniß mit Rußland wünschen, zum Zweck denUmsturz des osmanischen Reichs zu verhindern, während es Rußland lieber wäre, daßdies Verständniß Ereignissen gelte, von welchen der Sturz der Türkei die Folge wäre."
Bei der zweiten Unterredung (14. Jan.) ist Sir Hamilton Seymour noch ohneJnstruction. Auf eigene Hand, im Sinn der obigen Bemerkungen, äußert er, Eng-land würde sich nicht leicht entschließen, sich die Hände zu binden; der Gedanke, dasErbe eines alten Freundes und Verbündeten gewissermaßen im voraus zu „discön-tiren", würde der Regierung widerstreben; ein Übereinkommen indessen könnte nichtfür, sondern vielmehr gegen gewisse Eventualitäten als Vorsichtsmittel sich empfehlen,auch würde vielleicht die englische Regierung auf Verabredungen eingehen gegen ge-wisse Schritte, die im Fall des Sturzes der Türkei versucht werden könnten. SeinerRegierung berichtet er den Eindruck: wenn Worte, Ton und Geberde einen Maß-stab geben, um Gesinnungen zu beurtheilen, so sei der Kaiser gesonnen, vollkommenaufrichtig gegen die englische Regierung zu handeln. Er macht ferner bemerkbar,die Eröffnungen könnten nicht füglich unbeantwortet bleiben. Er macht den naivenVorschlag, da der Kaiser ein Verlangen geäußert, selbst in seinem eigenen Interesse„die Tage des sterbenden Mannes zu verlängern", so nwge England ein Abkommenüber Maßregeln beantragen, um das fallende Ansehen des Sultans zu stützen. Daßder Mann ein sterbender ist, scheint im Grunde Sir Hamilton Seymour auch zumeinen: nur glaubt er nicht, es werde ganz so schnell zu Ende gehen. Selbst wennder Kaiser abgeneigt wäre, den Sultan stützen zu helfen, so würde es doch immerein Triumph der Gesittung des 19. Jahrhunderts sein, wenn, infolge der Vorsichtder beiden am meisten betheiligten Hauptregierungen, die durch das Erlöschen desmohammedanischen Stamms in Europa entstandene Lücke ohne Rauferei, ohne Un-terbrechung des allgemeinen Friedens ausgefüllt werden könnte.
Die Todten reiten schnell. Wie rasch hat Sir Hamilton Seymour mit demBorschlag sich ausgesöhnt, das Erbe des guten Freundes zu discontiren! An dieLebenskraft des, kranken Mannes vollends glaubt er nicht mehr, als Sir RobertMurray Keith im Jahre 1790 daran glaubte.
Lord John Russell schreibt am 9. Febr. in Antwort eine ostensible Depesche.Verhängnißvolle Erinnerungen umlagern Lord John's historisches Gewissen. AlsWilhelm III. und Ludwig XIV. durch Vertrag über die Erbfolge Karl's II. von Spa-nien verfügten,, trafen sie Vorsorge für ein Ereigniß, das nicht mehr weit entferntsein konnte. Ähnlich war es bei der Verfügung über die toscanische Erbschaft desletzten Sprossen der Medici. „ Aber die Eventualität der Auflösung des osmanischenReichs ist anderer Art. Sie mag sich in 20, 50 oder 100 Jahren von jetzt anereignen. Unter diesen Umständen würde es mit der freundlichen Gesinnung für denSultan, die den Kaiser von Rußland nicht weniger als die Königin von Großbri-tannien beseelt, kaum verträglich sein, im voraus über die Provinzen seines Reichszu verfügen." Wer sieht nicht, erstens, daß Lord John Russell den Fall der Türkeials gewiß, wenn auch unberechenbar, annimmt, zweitens, daß er an Land und Leuteso wenig denkt, als Wilhelm III. und Ludwig XIV. oder die drei TheilungsmächtePolens daran dachten. Die politische Moral ist dieselbe, und der Sultan mag sich